„Bei den Anti-Atom-Protesten in diesem Herbst wird deutlich werden, dass die Bundesregierung für ihren Pro-Atom-Kurs keine Mehrheit in der Bevölkerung hat. Schwarz-Gelb belastet das Land ohne Not mit der Wiederbelebung eines gesellschaftlichen Großkonflikts, den Rot-Grün bereits gelöst hat, übrigens mit Zustimmung der Industrie.“ (Jürgen Trittin)
„It’s barbaric, but hey, it’s home.“Arabian Nights, [amazon link=“B06XGBT9WZ“ title=“Disney’s Aladdin“ /]
Die Mode-Depesche via Dem Herrn Paulsen sein Kiosk
Noch in den 1980er-Jahren erfuhren wir das Neuste aus der Welt bestenfalls einmal pro Stunde aus dem Radio und aus dem Fernsehen zwei- bis dreimal am Tag zwischen 16 Uhr und Mitternacht.
Vor allem wurde das Neuste aus der Welt aufbereitet von Fachleuten dafür: von Journalisten.
Wir vertrauten den Journalisten und die Journalisten erstellten ihre Berichte basierend auf einem strengen Kodex und Selbstanspruch in Sachen kompetenter Ausgewogenheit. Diese Grundprinzipien lernten wir sogar in der Schule als Muster für Aufsätze im Deutschunterricht: Wir lernten, dass es um ein ausgewogenes Auflisten der Fakten geht, dann um die Beschreibung der Vor- und Nachteile unterschiedlichen Handelns auf Basis dieser Fakten, und schließlich um ein alle Vor- und Nachteile berücksichtigendes Resümee. Ganz am Ende war es erlaubt, kurz seine eigene Einstellung zum Thema zu erläutern – kurz und entsprechend gekennzeichnet.
Ohne Vertrauen geht nichts. Vertrauen wird immer wieder diskreditiert, indem es mit blindem Gehorsam gleichgesetzt wird. Und das Berichten mit Manipulation. Das wiederum nennt man Propaganda. Propaganda diskreditiert Kompetenz, hasst Ausgewogenheit und besticht allein durch Lautstärke – so wie Ray Bradbury es in seinem Roman Fahrenheit 451 einen Feuerwehrhauptmann formulieren lässt: „Wenn das Theaterstück schlecht ist, der Film schwach, das Hörspiel nichtssagend, dreh die Lautstärke höher.“
Die Lautstärke besorgen die sozialen Medien. Am Knopf drehen Algorithmen und Bots – die Werkzeuge derer, die Vertrauen missbrauchen und zerstören.
2026 ist der Roman Fahrenheit 451 in den USA als Schullektüre und in öffentlichen Bibliotheken verboten.
Über 80 % der bei uns Schutzsuchenden kommen aus der Ukraine und aus Syrien. Die durch in diesen Ländern entfesselte Kriege provozierten Flüchtlingswellen stärken in den Gastländern rechte, autokratiefreundliche Dumpfbacken. Dass Deutschland auf dieses zynische Kalkül reinfällt, ist peinlich.
Eine Anzeige aus der TITANIC 10/81. DRUM Tabak. Wir sehen eine Rotte Cannabis-Adepten bei einer Radtour vom niederrheinischen Krefeld zu einem Coffeeshop im niederländischen Venlo. Kandidat A (oben im Bild) vedingte sich später als CAMEL-Mann, der Kollege unten links als Rainer-Werner-Fassbinder-in-besseren-Zeiten-Lichtdouble.
DRUM befleißigte sich in der Werbung keiner lustigen Sprüche. DRUM brauchte das auch nicht, denn DRUM war „echt“, war die Mutter aller Selbstgedrehten-Tabaksorten im wilden Westen der geteilten Republik Anfang der 1980er Jahre. Wie stilbildend DRUM war wird deutlich wenn man sich vor Augen führt, dass alle anderen später markteingeführten Tabaksorten das Packungsdesign der holländischen Feinschnittsorte imitierten: fette weiße Lettern auf blauem Grund, umgeben von rot-golden mäandernden Ornamenten.
Wer die erwähnten wilden Achtziger erlebt hat und sich daran zu erinnern versucht, der hat gleich den Geruch eines frisch geöffneten DRUM-Päckchens in der Nase – zusammen mit dem Duft von regennassem Asphalt, der sieht endlose niederrheinische Weiden, die bevorzugt am Fahrrad vorbeiziehen – bei viel Wind und noch mehr Wetter, denn schließlich war es ja der Niederrhein und mit dem Fahrrad war man zu der Zeit unterwegs, Hollandrad, klar, und wer aus betuchtem Hause kam oder beim wochenendlichen Apothekendienst viel rausgefahren hatte, der fuhr den Nobelholländer und meisterte so den zusätzlich auftretenden fiesen niederrheinischen Gegenwind (der gerne mit penetrantem nichtendenden Nieselregen einherkam) mit der guten SACHS-Dreigangschaltung; wer noch besser dran war, dessen war außerdem ausgestattet mit einem luxusgefederten KROKUS Ledersattel und trug bei seinen Radtouren zu den Freunden in verstreuten Vororten mit skurrilen Namen wie „Fischeln“, „Kapellen“, „Willich“ oder „Tönisvorst Zwei“ über dem obligatorischen Bundeswehrparka mit abgetrennter Deutschlandflagge und dem unverzichtbaren Palästinenserschal das ostfriesische Ölzeug, den „Friesennerz“, der damals noch in kleidsamem Knallgelb daherkam.
DRUM war im niederrheinischen Krefeld weit verbreitet, weil die Stadt nahe an Holland lag und somit voll im Einzugsbereich der niederländischen Herstellerfirma DOUWE EGBERTS – und die hatten, was ihre Produktpalette anging, den Vogel abgeschossen: sie stellten die vier maßgeblichen Produkte her, die man auf dem regengebeutelten platten Land brauchte, um die Seele warm zu halten: Kaffee, Tee, Kakao und Tabak – DRUM eben. Wäre in Deutschland jemand auf diese naheliegende Idee gekommen, dann hätten wir ’83 zwischen zwei Abi-Klausuren auf dem Klo unsere Joints wahrscheinlich mit Melitta Halbschwarz, Jacobs Krausem oder Tchibo Mild gedreht, aber so war es halt DRUM.
Unsere sechzehnjährigen Küsse schmeckten alle nach DRUM und irgendwas. In den Schulfreistunden nach kaltem DRUM-Rauch und Tchibo-Pausenkaffee für sechzig Pfennig, an den Wochenenden nach kaltem DRUM-Rauch, Gras, Rasen, Lagerfeuer, „Mavrodaphne“ und all den anderen klebrigflüssigen Folterinstrumenten der hellenischen Kellerei Tsantali, wie man sie auf der Suche nach einem One-Night-Stand Frch und rotem Zweiliterwein, Marke „Römerkrug“. Oder nach kaltem DRUM-Rauch und den Alkoholschwaden billiger griechischer Likörweine mit Namen wie Samstagnachts von den Georges-Moustaki-Lichtdoubles dieser Welt in Absackerkneipen serviert bekam, wie man sie man heute nur noch in der WDR-„Lindenstraße“ zu sehen bekommt. Ja, die hießen tatsächlich alle „Akropolis“. Oder „Sirtaki“. Oder „Z“. Wie die Italiener bis heute alle „Pinocchio“ heißen. Oder „Venezia“ oder „Roma“. Und alle Jugoslawen (oder heute Serben und Kroaten und, und, und) „Split“ oder „Dubrovnik“.
DRUM hatte ich schon als Nichtraucher – meine beste Freundin, die mir nie Freundin sondern immer nur beste Freundin sein wollte, hatte etwas bei mir deponiert, nicht für mich sondern falls rauchenden Freunden zu Besuch bei mir der Tabak ausginge. Letztlich hatte ich das Depot natürlich selbst geleert und war angefixt. So begleitete DRUM schließlich auch mich durch die erste Hälfte der Achtzigerjahre. DRUM war dabei, als mir meine erste Freundin (sie 21, ich gerade 17) im Herbst 1980 (oder war es ’81) sagte, sie wolle mich heiraten und Kinder mit mir haben und mich – damit ein wenig überfordert – in eine brutale Flucht schlug; DRUM begleitete mich zur Unterzeichnung des Krefelder Appells, DRUM rauchten wir, als wir auf dem Krefelder Sprödentalplatz bei „Künstler für den Frieden“ das Grußwort von Winnie (damals noch immaculata) Mandela empfingen und wir rauchten noch zwei drei mehr, als Joseph Beuys die Bühne betrat und sang: „Wir wollen Sonne statt Reagan“. DRUM rauchten wir, als wir die druckfrischen Raubdrucke von Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ verschlangen. DRUM rauchte ich nervös, bevor ich vor die Kommission zur Gewissensprüfung trat, als ich den Kriegsdienst verweigerte, die damals übrigens wirklich tribunalsähnlich ablief, liebe neu Hinzugekommenen: unter einer Deutschlandfahne und inklusive einem desinteressierten Beisitzer, der während meiner penibel einstudierten pazifistischen Ausführungen die BILD las. DRUM rauchte ich bei der großen Bonner Friedensdemo gegen die nukleare Nachrüstung als ich Heinrich Böll zuhörte (das, liebe Kinder, war der von Köln der mit seiner Baskenmütze so aussah wie , der aber lange nicht so lustig war).
Viele Zigaretten- und Tabakmarken begegnen mir übrigens bis heute weiter auf den Kneipentischen meines Vertrauens. DRUM aber ist verschwunden. Wo sind sie hin die DRUM-Raucher? Sind sie verschwunden wie die, ehem, Friedenssongs von „alle die gegen Atomkraft sind – aufsteh’n“-BOTS (die sich mit „Was wollen wir trinken“ bis heute am gut halten)? Wie Heinrich Böll, Winnie Mandela und Joseph Beuys? Sind jetzt nur noch die Marlboro-Lights-Popper übrig und werden sie untergehen wie die süchtigen Loveparade-Aktivisten?
Schwamm drüber. Ein Königreich für ein Päckchen DRUM. Und die Erinnerung daran, dass ich DRUM auch rauchte, nachdem ich 1980 unter der Gesamtausgabe der Suhrkamp-Taschenbuchreihe (der ganze belletristische Regenbogen, gestaltet von Designgott Willy Fleckhaus) unter Zuhilfenahme eines knallroten Kondoms mit Erdbeergeschmack durch eine kommunistisch jugendverbandelte Mitschülerin (die mit dem frühen Kinderwunsch) entjungfert worden war. DRUM rauchten sie und ich übrigens auch, als wir uns lachend auf dem riesigen Bett fläzten, als der damalige Tagesschau-Anchor zum ersten Mal „der amerikanische Präsident Reagen“ sagte, und als er zum erstem Mal „Bundeskanzler Kohl“ sagte, und als wir uns sicher waren, die Leute würden die beiden bestimmt schnell wieder abwählen, da es ja wohl offensichtlich sei, dass die beiden von Politik nichts verstünden im Gegensatz zu Carter, Schmidt oder Brandt. Ein Päckchen DRUM drehten wir gemeinsam weg, am Tag als der Lebensgefährte der Geliebten uns dahinter kam und uns trennten, weil ich, wie erwähnt, Angst davor hatte, mit knapp siebzehn eine Familie zu gründen. Der Gehörnte rauchte übrigens (wie der Günther Grass) SCHWARZER KRAUSER, aber das ist eine andere Geschichte und die soll, wie schon Michael Ende sagte, ein andermal erzählt werden.
Klicken Sie also auch künftig wieder her, wenn es die nächste Rauchwaren-Anzeige aus einer TITANIC der Achtziger zu sehen gibt. Alle TITANIC-Hefte mit ihren schönen Tabak-Anzeigen gibt es übrigens, die Info reiche ich gerne weiter, auch heute noch im TITANIC-Shop zu kaufen – und beim Erwerb bekommen Sie überdies noch völlig gratis schöne zeitlose Cartoons und Glossen von F.K. Waechter, Robert Gernhardt, Chlodwig Poth und vielen anderen dazu. Weiter mit Musik!
Du. Scheiße. Larry Ellison, ein Verbündeter von Trump und einer der reichsten Männer der Welt, hat gerade Paramount und CBS übernommen. Jetzt plant er, Warner Bros. zu kaufen, einschließlich CNN. In einer Zeit, in der sechs große Konzerne kontrollieren, was 90 % der Amerikaner sehen, hören und lesen, verschärft sich die Kontrolle der Oligarchen über die Medien noch weiter.
Supertramp war ein großartiges Konzert, 2002 auf der Bonner Museumsmeile. Obwohl ohne Roger Hodgson und daher mit viel zu viel von Rick Davies’ Jazzkaprizen. Barclay James Harvest war ein großartiges Konzert. Obwohl 2002 in der eher tristen Bad Godesberger Stadthalle und obwohl Drummer Mel Pritchard, der nur kurz nach der Tour an einem Infarkt sterben sollte, meist kraftlos neben der Schießbude saß und anderen das Trommeln überließ und obwohl ohne John Lees, was dazu führte, dass als bei den Zugaben erwartungsfroh „Hymn!!!“ gerufen wurde, Frontmann Les Holroyd mit einem trockenen „wrong band“ abwiegelte. Joe Jackson live zu sehen war wie immer ein Vergnügen obwohl er im Kölner Gürzenich die denkbar mieseste Akustik hatte, seine Bühne nicht richtig aufbauen konnte und außerdem erkältungsbedingt immer wieder mal einen Song neu ansetzen musste. Leonard Cohen war auch 2008 großartig, seine Altersironie ist pures Vergnügen. Aber dass er die Berliner O2-Arena spielt, wo ihn wirklich niemand sehen kann, das war schon ziemlich geht so.
An all das denke ich und werde ganz melancholisch, wenn ich Herrn Paulsen lese, der nach dem Besuch eines ZZ-Top-Konzerts schreibt:
Ach, ja. Wenn das mal mit dem Loslassen so einfach wäre im Leben. So ganz generell…
Was übrigens heute immer noch funktioniert: Jethro Tull (oh, ja) und, yes: YES – heute wie früher.
Sven K. – JournalSven Knoch2026-09-14T02:38:49+02:00
