“If you can teach – teach. If you can’t teach – entertain. If you can’t entertain – get the fuck out of the business.“ (Lee Hollis)
“In Romania, bloggers are 20-something geeks
that are happy to share things and glad to
be up on the stage. At Blogging in Germany
and America i saw old journalists trying to
teach us about new media and the tech revolution.”
(Vali Petcu, Berlin.)”Es sind wenig Frauen anwesend. Zu wenig. Das war klar,
als ich merkte, dass ich nie vor dem Klo anstehen musste.”
(engl@absurdum)„Die re:publica war zu oberflächlich, zu belanglos,
zu labertaschig? Schlagt bessere Themen und Referenten
vor, setzt euch selbst auf die Podien.”
(Felix Schwenzel)Ich hatte ein Ticket für die re:publica. Lange gekauft. Earlybirdtarif. Mich drauf gefreut. Mein Ticket hing an der Wand. Ich bin nicht hingegangen. Nicht, weil ich nicht gewollt hätte. Gern hätte ich dort Freunde getroffen und Menschen, die ich schon lange nicht gesehen habe, Menschen, die ich schon lange gerne kennengelernt hätte. Ich saß stattdessen zuhause, mußte arbeiten. Die da waren, berichteten, die, die Webzwonull nie als Selbstzweck feierten, habe Zwonull in umbekümmerter Nabelschau verloren oder kaum erreicht. Während die Formen qua Messe ihren Inhalt suchen, so die, die da waren, suchen die Inhalteverwalter ihre Behälter längst wieder anderswo. Ich als Zahnarztfrau und als Inhaltsfetischist frage mich: warum nicht mal eine Messe, die explizit content provider und Förmchengießer zusammenbringt? Das wäre doch mal interessant.
Getuigen zijn zelden helden
Echte helden getuigen zeldenHerman van Veen, „Helden“In Deutschland hat es niemand bemerkt.
Erik van der Wurff ist tot.
Erik, wer?
Ach, Erik.
Im Jahr zuvor, im Berliner Admiralspalast, warst du schon nicht dabeigewesen. Am Klavier hinter Herman saß niemand. Niemand hatte es erklärt. Drei Stücke, vier, fünf sag Herman begleitet von der Gitarristin Edith Leerkes und seinem Ensemble. „Wow“, dachte ich, die machen Erik ja einen richtig großen Vorhang hier. Ein ganzes Set ohne ihn und dann wird er rauskommen und sie legen richtig los. Erik kam nie. Herman sagte irgendwann in der Mitte des Programms zwei, drei Sätze, indem er kurz zum Klavier ging, gefeiert hättet ihr in der vorigen Woche in Amsterdam nach Abschluss der jährlichen Gigs im Carré, du seist angeschlagen gewesen und die Feier wäre dann wohl zu viel gewesen. Du hättest bis zuletzt versucht, nach Berlin zu kommen und dann doch in letzter Minute. Irgendwas war auch seltsam. Und ich kann mich irren. Aber manchmal spielen Menschen so, dass es erscheint, als seien andere Menschen auf der Bühne anwesend, selbst wenn sie nicht da sind. Hermans Show ging weiter und da stand ein leeres Klavier. Du warst nicht da. Das fühlte sich seltsam an. Aber ich kann mich irren. In jedem Fall hat es kein Musiker so lange mit ihm ausgehalten, wie du.
Vor allem warst Du unersetzbar, das war zu spüren. Da war in der Mitte der Bühne eine Lücke, die niemand schließen konnte.
Leukämie war es, lasen wir später im Internet. Kein böses Blut. Sondern eben genau das.
Mensch.
Da wollten wir dich im Jahr drauf mit Herman im Carré in Amsterdam sehen. Wir hatten spontan nach dem Abend in Berlin Karten gekauft und jubiliert: wenn du nicht zu uns kommst kommen wir halt zu Euch in Euer Wohnzimmer, dachten wir, und freuten uns wie Bolle.
Doch die Leukämie kam zurück und war schneller, wir haben uns um drei Wochen verpasst.
Herman und du, ihr hattet Eure Geschichte so wie wir, die wir Eure Konzerte schauten, unsere Geschichte mit Euch hatten. Als du und Herman stolz im Carré in Amsterdam anfingt, da waren wir kaum geboren oder gerade mal im Kindergarten. Als wir Euch zum ersten Mal sahen, war das Carré schon euer Wohnzimmer. Und doch flogen wir parallel wenn wir Euch zuhörten, wie ihr Euch die Bälle zuspieltet, als wir lernten uns Bälle zuzuspielen.
Wie viele habt ihr begleitet, von dem Moment an, als DIE SELTSAMEN ABENTEUER DES HERMAN VAN VEEN über die Bildschirme der ersten erschwinglichen Farbfernseher flimmerten, die Serie, wo du im Schrank in einer Hängematte wohntest, immer einen Kopfhörer auf den Ohren und ein Buch in der Hand. Und wenn man dich brauchte holte man dich aus dem Schrank. Und du hast nie was gesagt, wie Harpo von den Marx Brothers. So hast du es mit Herman zum fünfzigjährigen Bühnenjubiläum gebracht und nebenbei mit internationalen Orchestern gearbeitet, für Theater und Fensehen komponiert und für Künstler wie John Denver, Toots Thielemans oder Ramses Shaffy in die Tasten gegriffen und man hat dich zum Ritter des Ordens vom niederländischen Löwen geschlagen. Da standest Du mit einem kleinen Lächeln und dem Orden am Hemd neben dem stolzen Herman van Veen, der da selbst schon ein Jahr Übung im Ordentragen hatte. Man hätte Euch das Teil gemeinsam verleihen sollen.
Wenn ich zurückdenke, hast Du auch auf der Bühne eigentlich nie was gesagt. Aber geschaut. Durch deine Blicke zum Beispiel Herman zu endlosen Monologen inspiriert, das war ja so eine eurer Nummern. Herman steht am Klavier und redet etwas an dich heran und du schaust ihn nur an. Da war alles drin, von Slapstick bis Strindberg. WENN du mal nicht im Hintergrund bliebst, dass zimmertest Du in deine Bühnenpräsenz doppelte und dreifache Böden. „How long are we playing together, Erik?“ hatte Herman mal in einem Sketch gefragt, in dem er – wie oft halb Herman, halb in der Rolle – im Elvis-Stil eine Art überheblichen, testosteronschwangeren Rocker parodierte. Und, unter deinen abwartenden Blicken beantwortete er sich die Frage selbst: „Seventeen years, Erik. Imagine. Seventeen years. Just the age of a fuckable young girl.“ Da bist du dann aufgestanden, wie schon Stan Laurel aufstand, wenn er beschlossen hatte, Oliver Hardy ins Gebet zu nehmen, bliebst erst kurz stehen, ihn nie aus den Augen lassend und dann hast du ihm – halb Erik, halb in der Rolle – eine kurze trockene Ohrfeige verpasst um dich ungerührt wieder hinter den Flügel zu setzen und weiterzuspielen. Das fühlte sich ein wenig seltsam an und es folgte ein langer Applaus.
Und jetzt – Einschnitt. „Die Einschläge kommen näher“, wie man so sagt.
Whatsoever. Danke, Erik.
Danke, Erik van der Wurff, dass du immer so viel mehr warst als der Pianist von Herman van Veen – und genau das. Trotz alledem bist fast unbemerkt gestorben. Obwohl Herman auf der Bühne sagte, du seist nicht sein Pianist, sondern „Ich bin der Sänger von Erik.“
Letztes Jahr in Berlin sagte Herman, er sei der Sänger von Edith Leerkes, seiner Gitarristin. Am Piano hinter ihm saß niemand. Du warst nicht da.
In Amsterdam im Theater Carré haben wir Dir zugeprostet, reckten die Gläser in den Himmel des Carré-Restaurants Oscars: „Tot gilt nicht. ‚Tot‘ ist Niederländisch und heißt ‚bis …‘. So kommst du uns nicht weg!“ sagten wir und dann gingen wir Edith Leerkes angucken. Die tritt jetzt mit deinem Sänger auf. Der Tag war der 28.10.2014
Tot ziens, Erik!
Facebook schlägt mir Gruppen vor. „Deutsche Freunde Vladimir Putins“. „Verein der Deutschen“. „Unsere Heimat“. So gemütlich, Facebook. Nee, ehrlich, ich glaube, es hackt.
Hängt sich auf, Dateibrowser friert ein, ständige Updates. Windows auf dem Mac läuft genauso rund wie auf dem PC.

Erwähnte ich, dass ich mal Klavier spielte? Ich sag mal so: ich liebte das Klavier, aber das Klavier liebte mich nicht zurück. Meine Lehrer hatten so wohlklingende Namen wie Yoko Fujimoto oder Uwe Vossels-Herrmann. Erstere war eine resolute Japanerin, die mich Bach und Czerny fürchten lehrte. Sie folgte Uwe Vossels-Herrmann, der selbst meinen eher liberalen Eltern zu liberal war: bei dem durfte ich mir nämlich meine Noten aussuchen und spielen, was ich wollte. Also kaufte ich mir, noch bevor ich beliebte Partyhits wie „Alle meine Entchen“, „Für Elise“, „Ballade pour Adéline“ oder den Flohwalzer spielen konnte, hundert Seiten New Orleans Jazz und Ragtimes und dann wechselten meine Eltern sehr schnell den nonkonformistischen Uwe gegen die doch eher konservative Japanerin aus und das Klavier bekam einen Schalldämpfer verpasst.
Yoko Fujimoto. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass sie gefühlt immer mit dem Stift neben der Tastatur aufs Gehäuse klopfte und leicht verzagt „eins, zwei, drei, vier“ sagte. Irgendwie fiel es mir dadurch aber noch schwerer als sonst schon, den Takt zu halten. Ich hatte eben einen Hang zum Rubato, eine schönere Bezeichnung für die Unart, beherrschte Passagen flott runterzuspielen und vor den schwierigen Stellen ordentlich in die Eisen zu gehen, trotzdem zu scheitern und dann ganz von vorn neu anzufangen. Yoko Fujimoto versuchte vergebens mir beizubringen, dass man Klavier aber eben nicht spielt, wie ein Lokführer, der vor Kurven und maroden Brückenbauwerken abbremst um dann im Schritttempo trotzden in den Abgrund zu stürzen.
Irgendwann gab Yoko Fujimoto auf; ich glaube, sie riet mir sogar vom Klavierspielen ab.
Trotzig versuchte ich noch ein paar Jahre, den Entertainer von Scott Joplin zu beherrschen. Ich bin sicher, meine Eltern können bis heute das erste Blatt der sechsseitigen Partitur auswendig vortragen. Nicht mehr, denn kurz danach kam ja die erste Kurve und ich fing von vorne an.
Presto.
Oh, ja: bevor ich studienhalber das Elternhaus und damit das Klavier verließ, konnte ich ganz eine verzwickte Prelude von Gershwin und zwar von vorne bis hinten spielen, denn erstens war ich verliebt und zweitens war das eine sehr langsame Prelude.
Oh ja, noch mal „oh ja“: im Trainingssaal der Schauspielschule stand ein paar Jahre später, sehr zu seinem Leidwesen, wieder ein Klavier. Infolgedessen, ich bin sicher, können zehn Mitschüler der Tanzhochschule Stockholm bis heute den Root Beer Rag von Billy Joel singen, eine anspruchsvolle Partitur, mit deren erster Seite ich während des gesamten Studiums, also drei Jahre lang versuchte, das Instrument des Korrepetitors zu töten. Jedenfalls war der Korrepetitor immer glücklich, wenn er in unsere Klasse kam, wurde er doch immer mit Applaus empfangen, denn zehn Schüler applaudierten seinem Auftritt, nicht weil er irgendwie liebevoller in die Tasten haute, als andere wenig begabte Klavierspieler, die mit lustlosen aber taktbetonten Spiel seit jeher Schüler durch den verhassten Ballettunterricht begeiten, nein sie applaudierten, weil Billy Joel und ich endlich den Klavierschemel räumten.
Jau. Ich liebte das Klavier, aber das Klavier liebte mich nicht zurück. Aber für die paar Zeilen dieser humorigen Kolumne (und das Cartoon da oben), da waren sie letztlich doch gut, die vergeblichen Bemühungen von Yoko Fujimoto und Uwe Vossels-Herrmann. Und die Liebste sagt, die Partitur der Gershwinprelude habe sie bis heute aufbewahrt. Ich weiß nicht, ob sie weiß, worauf sie sich einlässt. Im Gästezimmer steht ein Klavier …
Hier der Gershwin (gespielt von Gershwin):
Und hier das Stück für meine schwedischen Freunde:
Vierzig Jahre später kämpft übrigens selbst Billy Joel mit den eigenen Noten:
Nein, ihr habt sehr wohl GroKo gewählt. Gegen die sogenannte Alternative für Deutschland gibt es nämlich keine Alternative dazu, dass alle wirklichen Demokraten eine Koalition eingehen, um die Horrorvorstellung einer Regierungsbeteiligung des tumben Populismus zu verhindern. Lindner, die Sissy, hat sich nicht getraut, Verantwortung zu übernehmen und wer, sei es in SPD oder CDU, jetzt Mimimi macht spielt ein gefährliches Spiel: Eine Große Koalition ist immer ein Kompromiss aber momentan wirklich alternativlos. Eine echte Alternative wäre, wenn wir uns alle wieder mehr in die Politik einbrächten statt immer mehr Klein- und Kleinstparteien zu gründen um uns in eine Art Neo-Weimar zu verwählen, in dem es den Demokraten nicht mehr möglich ist, ein Bollwerk gegen die Idioten zu bilden. Politik ist keine Comedyveranstaltung und Protestwahl ist nicht witzig sondern gefährlich, denn sie gefährdet unsere Demokratie, indem sie jenseits der Diktaturen ohne Not der Dummheit und ihren menschenverachtenden, dilettantischen Protagonisten eine Bühne bereiten. In den USA, in Polen, in Ungarn, in Frankreich, Großbritannien, Holland und in Deutschland. Nein, ich wollte, wie viele, keine große Koalition. Aber sie ist momentan alternativlos und ich wünsche allen Beteiligten gutes Gelingen (und der SPD-Basis, besonders den Jusos, den Mut zum Sprung über den eigenen Schatten) auf dem Weg, die politische Kultur unseres Landes und der Welt wieder soweit in geordnete Bahnen zu lenken, dass wir alle wieder daran arbeiten können gemeinsam auf unserem Planeten zu leben anstatt gegeneinander. Mit 17.000 Atomwaffen am Start macht jedes wie auch immer geartete Gegeneinander nämlich nicht wirklich Sinn. Aber das ist ein anderes Thema. Weiter mit Musik. Ihr Dödel.
Nicht wenige Menschen stehen Nazis ablehnend gegenüber. Sie sagen: „Ohne generell etwas gegen die Nazis zu haben, so hege ich doch geweisse Vorbehalte dagegen, die Hand meiner Tochter einem Mitglied der nationalsozialistischen Partei zu versprechen.“ Die Töchter sagen dazu generell: „Das ist gut, Papa.“ Gleichzeitig wurde noch längst nicht alles über die Grausamkeit und die Abscheulichkeit dieser Leute enthüllt! Nehmen Sie nur Herrn Hitler, der sich wie immer dumm stellt und fragt: „Worum geht’s?“. Ganz einfach! Wußten sie, dass Hitler nicht nur Nazi war, sondern dass er sogar im Urlaub, heimlich ins Meer Pipi gemacht hat? Und was sagt Herr Hitler dazu? Er sagt: „Naja, klar… Wer ist schon perfekt?…“ Unglaublich!? NEIN?!?…
[ Pierre Desproges, « La minute nécessaire du monsieur Cyclopède » , deutsch von Sven K. ]Die sozialen Medien hießen früher „Leserbriefe“, hatten eine halbe Seite irgendwo weit hinten in der Fernsehzeitung und waren redaktionell betreut.
« Le voyage de la vie est court.
Essayons de le faire en première classe. »
Philippe Noiret2008 starb Horst Jüssen, der Dan Aykroyd der deutschen Comedy-Siebziger. Hier in einem Sketch mit einer Muse seines damaligen Regisseurs, dem später suizidal erfolgreichen deutschen Comedy-Pionier Michael Pfleghar: Wencke Myrhe singt irgendwas auf Norwegisch und der investigative Ansatz von Horst Jüssen sowie Farbe und Form Sessel beweisen, dass auch Anne Will und Markus Lanz nur von „Klimbim“ klauen. Es fehlen eigentlich nur der Lanzsche Beinüberschlag und das mit-an-und-abgewinkelten-Beinen-ganz-vorne-auf der Sesselkante sitzen. Und natürlich singt in aktuellen Talkshows niemand so schön wie die damalige Frau Pfleghar in spe.
Die unglaubliche „Talkshowgast-Gesten-Choreografie“, die das KLIMBIM-Ensemble mit Ingrid Steeger und dem gerade ebenfalls verstorbenen Peer Augustinski abliefert (Bastian Pastewka schreibt hier einen schönen Nachruf), lässt ahnen, was für kraftzehrende Probenarbeit hinter jeder KLIMBIM-Folge steckte und wie viel handwerkliches Können einem in allen Theaterdisziplinen abverlangt wurde, wollte man in den 1970ern im TV Comedy machen. Das Ergebnis ist allemal ein Sketch, der heute hält, was man ihm damals nicht zutraute.
Sven K. – JournalSven Knoch2026-09-14T02:38:49+02:00
