Selten Dämlich | Das Ein-Mann-Social-Network

Sven K. – Journal2026-09-14T02:38:49+02:00

Je ne voulais pas être chanteur pour être chanteur, je voulais dire des choses. Jacques Higelin

  • „Aus der Geschichte nichts gelernt“ ist der Untertitel der Menschheit – kein Jahrhundert nach zwei Weltkriegen ist die UN ein zahnloser Löwe und Säbelrasseln unter den großen Nationen wieder salonfähig.

    Ob es die Menschen mal schaffen, den Machismo zu ächten und besonders auch aus der Politik zu verbannen? Wir sind zu Liebe, Intelligenz und Kultur fähig und doch geht es immer wieder um Bomben und Raketen und wer am meisten unschuldige Menschen in Geiselhaft nehmen und mit einem Fingerschnippen innerhalb von Minuten völlig unangekündigt umbringen kann. So viel millionen-, milliardenfacher Streß für zu viel Testosteron von Wenigen. Wer auch immer es ist, der Hass und Angst schürt, ist ein Verräter an der Menschheit. Wer es tut, unter Berufung darauf, der jeweils andere habe angefangen, ist nicht besser als die Terroristen, die derzeit als Vorwand dienen, allen möglichen Scheiß anzufangen. Und, jenseits allen Legitimationsgeredes, auch nur daran zu denken, den einzigen bewohnbaren Planeten weit und breit unbewohnbar zu schießen zeugt von unglaublicher Selbstüberschätzung, grenzenloser Überheblichkeit und einer nicht mehr klassifizierbaren Verantwortungslosigkeit. Die Welt der sogenannten Volksvertreter widert mich gerade wieder besonders an. Warum gibt es keinen Regierungsführerschein – ein gewisses geschichtliches Wissen und psychologische Eignung sollten Grundvoraussetzung sein für Staatenlenker.

    PS: Es gibt keine Atomkriegsstrategie. Gab es nicht, als Helmut Schmidt in den 1980ern die Pershing-Raketen nach Deutschland durchwinkte und gibt es heute nicht. Wir können nur vernünftig bleiben oder in einer Arroganz, die die Dinosaurier schamesrot werden ließe, den schönsten aller Planeten in die Luft sprengen. Ganz ohne Meteorit. Der Mensch, des Menschen Wolf. Das Arschloch.

  • Ich sah den belgischen Rocker Arno Hintjens 2007 beim Francophonics Festival in der Berliner Kulturbrauerei. Nach dem Konzert wurde ich dem verkaterten Belgier im benachbarten Restaurant La Muse Gueule vorgestellt. „Wer bist Du, wo kommst Du her?“ fragte er und nippte am Wein. Ich bin immer supernervös, wenn ich in Belgien weltberühmten Rockern vorgestellt werde und antwortete: „Ich war eben auf dem Konzert eines verkaterten Belgiers“. Er quälte ein Grinsen hervor, nickte und verkroch sich wieder im Nachtprogramm seines Schädelkinos.

    Es folgte Smalltalk über Wein, währenddessen er ein paar mal an seinem Rotwein nippte und bald aufstand um sich zu verabschieden. Trotz der Gesprächsavancen seiner Vorgruppe, einer lesbischen Folk-Rockerin, die sehr nervös schien angesichts des in Belgien weltberühmten Rockers. Der ging mit einem Blick wie aus einem seiner Songs: Excuse me, I’m not good company …

    Die Folk-Rockerin stand nach dem Konzert lang in der Discothek, nippte an irgendeinem Getränk, und alles an ihr sagte: Excuse me …

  • Getuigen zijn zelden helden
    Echte helden getuigen zeldenHerman van Veen, „Helden“

    In Deutschland hat es niemand bemerkt.

    Erik van der Wurff ist tot.

    Erik, wer?

    Ach, Erik.

    Im Jahr zuvor, im Berliner Admiralspalast, warst du schon nicht dabeigewesen. Am Klavier hinter Herman saß niemand. Niemand hatte es erklärt. Drei Stücke, vier, fünf sag Herman begleitet von der Gitarristin Edith Leerkes und seinem Ensemble. „Wow“, dachte ich, die machen Erik ja einen richtig großen Vorhang hier. Ein ganzes Set ohne ihn und dann wird er rauskommen und sie legen richtig los. Erik kam nie. Herman sagte irgendwann in der Mitte des Programms zwei, drei Sätze, indem er kurz zum Klavier ging, gefeiert hättet ihr in der vorigen Woche in Amsterdam nach Abschluss der jährlichen Gigs im Carré, du seist angeschlagen gewesen und die Feier wäre dann wohl zu viel gewesen. Du hättest bis zuletzt versucht, nach Berlin zu kommen und dann doch in letzter Minute. Irgendwas war auch seltsam. Und ich kann mich irren. Aber manchmal spielen Menschen so, dass es erscheint, als seien andere Menschen auf der Bühne anwesend, selbst wenn sie nicht da sind. Hermans Show ging weiter und da stand ein leeres Klavier. Du warst nicht da. Das fühlte sich seltsam an. Aber ich kann mich irren. In jedem Fall hat es kein Musiker so lange mit ihm ausgehalten, wie du.

    Vor allem warst Du unersetzbar, das war zu spüren. Da war in der Mitte der Bühne eine Lücke, die niemand schließen konnte.

    Leukämie war es, lasen wir später im Internet. Kein böses Blut. Sondern eben genau das.

    Mensch.

    Da wollten wir dich im Jahr drauf mit Herman im Carré in Amsterdam sehen. Wir hatten spontan nach dem Abend in Berlin Karten gekauft und jubiliert: wenn du nicht zu uns kommst kommen wir halt zu Euch in Euer Wohnzimmer, dachten wir, und freuten uns wie Bolle.

    Doch die Leukämie kam zurück und war schneller, wir haben uns um drei Wochen verpasst.

    Herman und du, ihr hattet Eure Geschichte so wie wir, die wir Eure Konzerte schauten, unsere Geschichte mit Euch hatten. Als du und Herman stolz im Carré in Amsterdam anfingt, da waren wir kaum geboren oder gerade mal im Kindergarten. Als wir Euch zum ersten Mal sahen, war das Carré schon euer Wohnzimmer. Und doch flogen wir parallel wenn wir Euch zuhörten, wie ihr Euch die Bälle zuspieltet, als wir lernten uns Bälle zuzuspielen.

    Wie viele habt ihr begleitet, von dem Moment an, als DIE SELTSAMEN ABENTEUER DES HERMAN VAN VEEN über die Bildschirme der ersten erschwinglichen Farbfernseher flimmerten, die Serie, wo du im Schrank in einer Hängematte wohntest, immer einen Kopfhörer auf den Ohren und ein Buch in der Hand. Und wenn man dich brauchte holte man dich aus dem Schrank. Und du hast nie was gesagt, wie Harpo von den Marx Brothers. So hast du es mit Herman zum fünfzigjährigen Bühnenjubiläum gebracht und nebenbei mit internationalen Orchestern gearbeitet, für Theater und Fensehen komponiert und für Künstler wie John Denver, Toots Thielemans oder Ramses Shaffy in die Tasten gegriffen und man hat dich zum Ritter des Ordens vom niederländischen Löwen geschlagen. Da standest Du mit einem kleinen Lächeln und dem Orden am Hemd neben dem stolzen Herman van Veen, der da selbst schon ein Jahr Übung im Ordentragen hatte. Man hätte Euch das Teil gemeinsam verleihen sollen.

    Wenn ich zurückdenke, hast Du auch auf der Bühne eigentlich nie was gesagt. Aber geschaut. Durch deine Blicke zum Beispiel Herman zu endlosen Monologen inspiriert, das war ja so eine eurer Nummern. Herman steht am Klavier und redet etwas an dich heran und du schaust ihn nur an. Da war alles drin, von Slapstick bis Strindberg. WENN du mal nicht im Hintergrund bliebst, dass zimmertest Du in deine Bühnenpräsenz doppelte und dreifache Böden. „How long are we playing together, Erik?“ hatte Herman mal in einem Sketch gefragt, in dem er – wie oft halb Herman, halb in der Rolle – im Elvis-Stil eine Art überheblichen, testosteronschwangeren Rocker parodierte. Und, unter deinen abwartenden Blicken beantwortete er sich die Frage selbst: „Seventeen years, Erik. Imagine. Seventeen years. Just the age of a fuckable young girl.“ Da bist du dann aufgestanden, wie schon Stan Laurel aufstand, wenn er beschlossen hatte, Oliver Hardy ins Gebet zu nehmen, bliebst erst kurz stehen, ihn nie aus den Augen lassend und dann hast du ihm – halb Erik, halb in der Rolle – eine kurze trockene Ohrfeige verpasst um dich ungerührt wieder hinter den Flügel zu setzen und weiterzuspielen. Das fühlte sich ein wenig seltsam an und es folgte ein langer Applaus.

    Und jetzt – Einschnitt. „Die Einschläge kommen näher“, wie man so sagt.

    Whatsoever. Danke, Erik.

    Danke, Erik van der Wurff, dass du immer so viel mehr warst als der Pianist von Herman van Veen – und genau das. Trotz alledem bist fast unbemerkt gestorben. Obwohl Herman auf der Bühne sagte, du seist nicht sein Pianist, sondern „Ich bin der Sänger von Erik.“

    Letztes Jahr in Berlin sagte Herman, er sei der Sänger von Edith Leerkes, seiner Gitarristin. Am Piano hinter ihm saß niemand. Du warst nicht da.

    In Amsterdam im Theater Carré haben wir Dir zugeprostet, reckten die Gläser in den Himmel des Carré-Restaurants Oscars: „Tot gilt nicht. ‚Tot‘ ist Niederländisch und heißt ‚bis …‘. So kommst du uns nicht weg!“ sagten wir und dann gingen wir Edith Leerkes angucken. Die tritt jetzt mit deinem Sänger auf. Der Tag war der 28.10.2014

    Tot ziens, Erik!

  • Er tot, sie dement – und nur ein knappes Vierteljahrhundert nachdem dieses Foto entstand. Ewigkeiten nicht gesehen, honey. Ewigkeiten, sagt man. US-Präsident Ronald Reagan und die birtische Premierministerin Margaret Thatcher in den 1980ern. EDIT, Juli 2013: beide tot.

  • Mathias Richling war von Anfang an nicht nur hysterisch und laut, sondern auch der Eitelste unter den ARD-Scheibenwischern. Also kam das hier nicht wirklich überraschend:

    Man kann nachvollziehen, dass es ihm übel aufstößt wenn sich Platzhirsch Hildebrandt kurz vom Altenteil zurückmeldet, um ihm den Namen der Sendung unter dem hyperventilierenden Arsch wegzuziehen – wo Richling gerade endlich der alleinige Hausherr im Satireflaggschiff des ersten deutschen Fernsehfunks geworden ist. Dass und wie Richling aber jetzt auf Hildebrandt rumhackt lässt ihn, also Richling, wirken wie die Elke Heidenreich der ARD. Ganz ohne Perücke und falsche Titten. Humor-Fundamentalismus! Sozenkabarett! Was fürchtet er denn als nächstes? Dass Hildebrandt den (sic!) „Satire Gipfel“ mit Sprengstoffgürtel entert und sich im Namen der SPD in die Luft sprengt? Ganz peinliche Nummer: hier im Spiegel, hier im Focus, hier in der Main-Post.

    Es wäre witzig, wäre es nicht so traurig: unsere TV-Landschaft demaskiert sich mehr und mehr als Jahrmarkt der Eitelkeiten – aber ironischerweise nicht auf den vielgescholtenen Privatkanälen sondern ausgerechnet im öffentlich-rechtlichen Puff und dort nicht im Flachwasser von Volksmusik und Seifenopern sondern in den hochnoblen Sparten Satire und Literatur. Dem Scheibenwischer wäre das eine Conférence wert gewesen.

    Satire Gipfel, ARD, Do, 19.3., 22.45 Uhr.

  • Marcel Mangel war besser bekannt als Marcel Marceau.

    Er ist, auch wenn ihn kaum noch jemand kennt, der Wegbereiter der physischen Comedy von heute.

    Wenn sie stummes Slapstickspiel machten, dann ging das immer auf Marceau zurück – von Jango Edwards bis Umbilical Brothers, über David Shiner, Pic, René Bazinet und, und, und. Marcel Marceau hatte die Pantomime des 19. Jahrhunderts im 20. Jahrhundert als Rock’n’Roll neu erfunden. Das war sie schon vorher, im erwähnten 19. Jahrhundert im Théâtre des Funambules, Jean-Louis Barrault spielte den Protagonisten dieser Zeit in Marcel Carnés Kinder des Olymp. Aber von Mitte der 1860-er Jahre bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war die Pantomime komplett aus der Theaterwelt verschwunden. Bis Marcel Marceau kam.

    arte.tv widmet Marcel Marceau ein schönes Portrait, bis zum 28. März in der arte-Mediathek zu sehen.

    Wer war der Kerl? Er brachte Michael Jackson den Moonwalk bei. Mit Jane Fonda spielte er in Barbarella. In Mel Brooks’ Silent Movie war der Marceau der Einzige, der ein Wort sagte: „Non!“, rief er aus, als Brooks ihn anrief, ob er in einem Stummfilm mitspielen wolle. In den 1960-ern bis in die späten 1980-er war er ein Popstar. Seine Pantomimen ließen die Leute international ausrasten wie sonst Sinatra, Elvis oder die Beatles. 1982 sah ich seine beiden Shows in Schauspielhaus Düsseldorf hintereinander. Sein Illusionstheater war perfekt.

    Abgesehen vom theatralischen Effekt – dem Gehen auf der Stelle, dem Abklatschen der Wand, dem Ziehen des unsichtbaren Seils – sind seine Sketche heute nur schwer zugänglich; Marceau grimassiert viel, sein Spiel ist voller von Imitation, er karikiert, versetzt sich nicht hinein in seine Figuren. Trotzdem ist er einzigartig, denn ihm gelingt etwas völlig Beklopptes: Er emotionalisiert das Oberflächliche. Sein Spiel ist oberflächlich, aber er haucht dieser Oberflächlichkeit Seele ein. Damit erschloss er sich die Seelen eines Millionenpublikums rund um die Welt.

    Kennt man die Geschichte hinter dem weißen Gesicht des Pantomimen bekommt man ein Gefühl davon, wie das entsteht. Diese Geschichte erzählen seine Familie und Wegbegleiter in einem berührenden Feature von Maurizius Staerkle Drux, selbst Sohn eines Pantomimen. Originalaufnahmen der Sketche Marceaus aus den 1950-ern und 1960-ern wurden für den Film aufwendig restauriert und es gelingt so das Sympathischste: sie holen die Erinnerung an den 2007 gestorbenen Marceau einfühlsam, aber ohne Pathos in die Gegenwart zurück.

    Marcel Marceau wäre am heutigen 22. März 100 Jahre alt geworden.

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  • Pssst. Neue Plakate in the making 😎 #SchleFaZ #SchleGraZ #SchleFaZbeiNitro @NITRO @SchleFaZ @twitkalk @_PeterRuetten_

  • Mein zukünftiger Stiefsohn sagt, ich sei „Folk“. Folk ist im Französichen ein Wort mit der Wertigkeit von „alter Sack“. Folglich höre ich Folkmusik, also „alter-Sack-Musik“. Eins ist klar: so schleimt man sich nicht fürs erste Piercing ein. Sondern muss ein richtiges Stück Alter-Sack-Musik hören – oder um es mit dem Hasen Cäsar zu sagen (auch er unrettbar Folk): Biddeschööööön ;-)

    Here we stand
    Face the future
    They say you live and you learn
    Got no time
    For reflection
    Your bridges started to burn.
    That was then this is now
    That was then this is now
    That was then this is now

    You’ve been there,
    And you’ve done it.
    Had your back to the wall
    In the race,
    And now you’ve run it
    It doesn’t matter at all.

    That was then this is now
    That was then this is now
    That was then this is now

    Don’t look back,
    And don’t you worry
    You can’t live for yesterday
    Open door
    Into tomorrow
    You have to take it and break away.

    That was then this is now
    That was then this is now
    That was then this is now

    [Barclay James Harvest featuring Les Holroyd „That was then this is now“ vom Album „Revolution Days“ (2002).]
  • # Ich war mit meinen Überlegungen nicht wirklich weiter, als ich reingebeten wurde. Ein karger, heller, weißer Raum, in dessen Mitte ein riesiges Zahnrad lag. Kunst, dachte ich. Dahinter hatte man einen einfachen weißen Tisch gestellt, zwei Stühle, und ein großer Aschenbecher, der schon gut gefüllt war. Horst Buchholz stand augenblicklich auf, um mich zu begrüßen.

  • Die diesjährige Popkomm ist abgesagt. Die was? Die Popkomm. Bis zum Umzug nach Berlin war das ein lebendiges Musikfestival, das in ganz Köln die Clubs vibrieren ließ: jeder Laden präsentierte etablierte und neue Bands. Die großen Labels und die in Köln ansässigen TV-Sender verwandelten die Kölner Ringe auf Tage in eine Partymeile voller Musik. Dann wandten sich die Festivalorganisatoren vom Publikum ab und entwickelten ein neues Konzept für die Musikmesse, ein Konzept, das so elitär war, dass niemand der Popkomm aus der Stadt am Rhein an die Spree folgen wollte (ja, auch der prätentiöse Berlinumzug gehörte zum letalen Brushup der Popkomm). Mit dem Verkauf an die Berlin Messe hat Gründer Dieter Gorny in medialem Größenwahn der Messe, die auch ein Festival war, schon 2004 den Garaus gemacht. Das Scheitern dieses konzeptionellen Sockenschusses jetzt mal ganz pauschal der Musikpiraterie in die Schuhe zu schieben ist charakterlose Augenwischerei.

  • Französische Folter: Eingekerkert mit Jane Birkin und Brigitte Fontaine, beide singen pausenlos ihre größten Hits.

  • Man muss im Kunstbetrieb immer wieder die aussortieren, für die das ungegenständliche Fach keine Wahl sondern einzige Möglichkeit ist.

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