Cassiel

Right time, right place ist leider so üblich wie ein erwähnenswerter Lottogewinn.

Wie gern hätte ich damals in Stockholm noch eine Bar gekannt, in die man unter der Woche nach Mitternacht noch mit dem Taxi zum Feiern und saufen fahren kann. Aber ich war Schauspielstudent und meine finanzielle Lage ermöglichte es mir echt nicht, in Stockholm auszugehen: Schon ein großes Bier kostete in der schwedischen Hauptstadt bereits in den 1980ern umgerechnet etwa acht Euro. Ich jedoch hatte keine Arbeitserlaubnis und monatlich 750 DM von meinen Eltern, 450 davon gingen für Miete, Bus und Bahn drauf, 300 blieben fürs Leben und im Supermarkt kostete der billigste Käse fünf Mark (West). Meine Mitschüler hingen am Wochenende, sogar unter der Woche aus, ich blieb an der Schule, hasste sie dafür, sich ihrer Privilegien nicht mal bewusst zu sein und statt zu saufen und zu feiern probte und trainierte ich.

Und dann kam diese Nacht, in der ich ich im Rahmen der Wim-Wenders-Werkschau am Filminstitut für die Synchrondolmetscherin eingesprang. Sie hatte die Handke-Dialoge des “Himmel über Berlin” während der Filmvorführung synchronübersetzt, und völlig fertig zur anschließenden Podiumsdiskussion erschöpft das Handtuch geworfen. Ich hatte mich dann freiwillig gemeldet, zwischen Filmstudenten und Hauptdarsteller zu dolmetschen. Es wurde ein lustiger Austausch zwischen ihm, den ich bewunderte, und mir, ein Dialog, den ich den mir uninspiriert erscheinenden Studenten zwischendurch übersetzte. Sie fragten nach Rolle und Film, nicht nach Mensch und Künstler. Aber Schwamm drüber. Der Künstler war zu dem Zeitpunkt eh eher Mensch und wollte nur noch einen saufen gehen. Mir fiel, wie gesagt, auch nach langem Nachdenken nichts ein. Also fuhr er ins Hotel und ich nahm die U-Bahn in meine Studentenbude.

Ich war sehr frustriert, traurig und dem Schicksal superböse.

Schnitt. Wir haben das kleine Besäufnis zehn Jahre später in Köln nachgeholt, nach einer Ringelnatzlesung im dortigen ArTheater. Was war ich stolz, dass er sich da wirklich an unsere Stockholmer Begegnung und die missglückte anschließende Sauftour erinnerte. Zu der Zeit hatte man ihm die harten Drinks schon verboten, also reichte er mir die Schnäpse weiter, die man ihm ausgab, während wir lachten und er ein paar Flaschen Rotwein leerte (“Der Doc sagte ‘keinen Schnaps mehr’, von Wein war ja keine Rede.”).

Danach waren wir beide etwas schief ins Leben gebaut. Du stiegst betrunken im “Café Sehnsucht” auf den Tisch und spieltest aus dem “Jedermann” und diskutiertest lebhaft mit zufällig Anwesenden, ob eine Spülmaschine nun Wasserverschwendung sei oder nicht.

Und dann nahmst Du wieder das Taxi ins Hotel und ich wankte nach Hause.

Jetzt wohne ich sogar in seiner Stadt, aber nur seine Stimme ist noch zu hören im Berliner Tipi und sie gemahnt dort, vor der Vorstellung die Handys auszuschalten. Er selbst liegt auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof unter dem in den Boden gepflanzten Zeremonienstab.

Irgendwann begieße ich das Grab mit einem Schnaps oder zweien. Geht ja jetzt wieder, der Schnaps.

Right time, right place ist ein Arsch. Erinnerst Du Dich? Peymann sagte, du hättest so tot endlich friedlich ausgesehen. Ich sag: Schade, dass wir nicht noch einmal um die Häuser sind. Jetzt hätte ich die Kohle und ich wüßte auch wohin.

So oder so: wann immer ich im Berliner Tipi das Handy auf “stumm” schalte, dann, weil du mich grad dran erinnert hast. Dafür, aber besonders für alles andere: Danke, Mann mit den Schnittblumen!

Von |2019-01-10T18:16:39+00:009. Januar 2019|Kategorien: Künstlerausgang|0 Kommentare

Rien ne m’empêchera de chanter

“il y a une phrase qui me hante depuis tout petit: ‘ne pleurez pas les morts pleurez les vivants’. Ça ne va pas être facile…”Kên Higelin

Higelin est parti – Morrison est en bonne compagnie.

“La grande Brigitte m’a envoyé un mot au téléphone. Elle n’avait pas le courage de parler. La dernière fois qu’ils se sont vus, ils se caressaient le visage, le nez on aurait dit deux extra-terrestres. Je n’ai rien vu d’aussi beau”Arthur H.

http://www.parismatch.com/Culture/Musique/Les-artistes-francais-disent-Au-revoir-en-musique-a-Jacques-Higelin-au-Cirque-d-hiver-1495661

https://twitter.com/brunodelport/status/984423951509041152

https://twitter.com/brunodelport/status/984393299959189504

Von |2018-04-23T19:44:58+00:0012. April 2018|Kategorien: Künstlerausgang|0 Kommentare

Jeanne Cherhal : “Higelin représentait la liberté absolue”

Quand on constate le vacarme qui a été produit à la mort de Johnny [Hallyday], avec interventions de ministres et du président, et le peu de réactions des personnalités publiques à celle d’Higelin, on mesure l’inculture de nos élites et on pèse la tendance de nos politiques à se placer à la remorque de l’opinion publique… Un indice de la démagogie ambiante et de l’état de la France en ce début de XXIe siècle.Jeanne Cherhal : “Higelin représentait la liberté absolue”

Von |2018-04-08T08:59:19+00:008. April 2018|Kategorien: Künstlerausgang|0 Kommentare

Pianistin Marian McPartland – Weiß, weiblich, Jazzlegende

Marian McPartland starb am 20. August 2013 im Alter von 95 Jahren. Ruhestand war für sie ein unbekanntes Wort, wie sie einmal in einem Interview erklärte: “So wie man Duke Ellington immer fragte: ‘Wann werden Sie sich zur Ruhe setzen?’ Das ist furchtbar unhöflich. Und Duke antwortete: ‘Und dann? Wozu sollte ich mich zur Ruhe setzen?’ Und mir geht es genauso – wozu sollte ich mich zur Ruhe setzen?”Pianistin Marian McPartland – Weiß, weiblich, Jazzlegende

Von |2018-03-28T19:38:15+00:0028. März 2018|Kategorien: Künstlerausgang, Musik|0 Kommentare