Als Rauchen noch nicht tödlich war (6): CAMEL FILTERS

Ich finde diese Werbung, indem ich die TITANIC, Nr. 10 aus dem Jahr 1981 schließe. Oh ja, wir haben viel CAMEL FILTERS geraucht damals. Nur die Musiker nicht, die rauchten CAMEL ohne Filter (und tun es bis heute). Warum rauchten wir CAMEL FILTERS? An der Werbung kann das eigentlich nicht gelegen haben, denke ich, indem ich die TITANIC mit der Anzeige weglege, auf der ein tumber rothaariger Schnauzbartträger offensichtlich auf Safari und im Jeep sitzend bedeutungsschwanger an seiner Kippe saugt. Lag’s vielleicht an der Schachtel? „In dem Muster des linken Vorderlaufs des Kamels von der Schachtel ist eine nackte Frau versteckt, siehst Du die?“ lallten wir uns (wie alle CAMEL-Raucher bis heute) zu später Stunde beim Absacker jedes Mal wieder an, und ließen die Packung rumgehen. Und dann gab’s noch einen Witz den ich vergessen habe und dessen Pointe damit zu tun hatte, dass sich jemand hinter den Pyramiden auf der Packungsrückseite versteckte. Heute versteckt er sich wahrscheinlich hinter dem Warnhinweis. Nein, an der Schachtel kann’s irgendwie auch nicht gelegen haben.

An der Printwerbung jedenfalls lag der Erfolg von CAMEL FILTERS garantiert nicht. Komplett ironiefreie Werbung, hey, das ging doch gar nicht in der linksalternativen Goldgräberzeit der frühen 1980erjahre – zumal in der TITANIC! Wir waren immerhin die knospende Gründungszelle der ironischen Generation! Wir waren die Ahnen derjenigen, die gestern David Letterman parodierten und heute sich selbst als David Letterman. Wir waren die, deren Begriff von Anarchie durch die Kapriolen der Figur „Didi“ in „Nonstop Nonsens“ geprägt wurde – und die auch heute nicht viel weiter sind. Wir waren die, deren erste sexuelle Prägungen im Schritt ihrer Feincord-Schlaghosen hervorgerufen wurden durch die Schlitze im Kleid von Ingrid Steeger in Michael Pfleghars „Klimbim“ (und mit deren kurz im Slapstickzeitraffer entbößten Brüsten Peer Augustinski und Horst Jüssen nie etwas anderes anzufangen wußten, als hilflos mit den Augen zu rollen). Wir sind die, die auch heute noch den Bezahlporno von SKY (The Artist Formerly Known As PREMIERE) verschmähen, wenn sie die Möglichkeit haben, die nacke sechzehnjährige Nastassja Kinski im TATORT „Reifezeugnis“ zu sehen.

Wir waren die, die heute den Gewinnern der zu beiden Seiten offenen Meisterschaft im Millionenscheffeln durch zynische Distanz inbrünstig von den Lippen lesen. Wir ignorieren inbrünstig die Welt um uns herum, solange sie sich bitteschön nicht ausschließlich allein um uns selbst dreht. Wir tun das sogar ohne jede Honorarforderung. Gestern war unser Motto „Dick und Doof“, heute sind wir die “Väter der Klamotte” des Extrem-Heinrich-Heining: „Unter jedem Grabstein liegt eine Welt begraben“ – was also kümmert mich mein Nächster? Wir sind die, die den aussterbenden Showmastern, die wir dafür verteufeln, dass ihr Ethos preußischer war als das der Preussen, immer ähnlicher werden – und wollen es, im Gegensatz zu jenen, nicht wahrhaben.

Klar also, dass es an der Werbung nicht gelegen haben kann, dass wir, wann immer uns die Zeit zum Selberdrehen fehlte, CAMEL FILTERS rauchten – die Zigaretten die stärker parfümiert waren als der gesamte Sannyasin-Puff von Herrn Bhagwan in Poona. Und dann diese Slogans: „Ich geh meilenweit für CAMEL FILTERS“ oder „Der Weg lohnt sich – CAMEL FILTERS“ das war nichts für uns; konfrontierte man uns mit derlei kernigem Schmu ohne die ironische Überhöhung durch die Stimme von Eddie Constantine, dann prusteten wir gleich los, dann dachten wir sofort an Dinge wie Loriots Sketch, in dem ein Lottogewinner fürs Fernsehen einen originellen Spruch aufsagen soll und sich vor Nervositätext verhaspelt, dass er in all seiner spießigen Ernsthaftigkeit verkündet, er eröffne qua Lottomillion demnächst mit dem Papst eine Herrenboutique in Wuppertal (sprich: „Boutique“ wie „Buhtikä“).

„Der Weg lohnt sich“ – nicht mit uns, die intellektuelle Fallhöhe zu dem damals populären „No Future“ war einfach unüberwindbar. Was für ein Weg? Wohin? Helmut Schmidt winkte Anfang der 1980erjahre gerade amerikanische Pershin