Es gibt Leute, bei denen fällt die Vorstellung besonders schwer, dass sie nicht mehr da sein werden. Barry Humphries ist so einer. Mit ihm gehen ja eigentlich zwei Menschen, denn Barry Humphries war Dame Edna.
Es ist schwer vorstellbar, dass Dame Edna, die Vertraute des internationalen Jet-Sets, nie wieder durch das Showtor auf der Bühne und im Fernsehen explodieren wird, die massive Handtasche schwenkend, mit violetter, hochtoupierter Maggie-Thatcher-Gedenkfrisur und diesen schmetterlingsförmigen, paillettenbesetzten Brillen. Dass niemals mehr Barry Humphries in seiner Paraderolle dem Publikum „Hellooo, possums!“ entgegenschmettern wird.
Humphries war so sehr eins mit seiner Figur, dass Roger Willemsen, ein großer Fan, nach Australien flog, nicht um ihn zu interviewen, sondern um eine Homestory über Dame Edna zu drehen. In dem TV-Feature wirkt Humphries Alter Ego im Grunde wie eine Hommage an Margret Dünser, die Grande Dame des deutschen Promi-Talks. Dünser besuchte in ihrer Sendung V.I.P.-Schaukel von 1970 bis 1980 Prominente aus aller Welt zu Hause. Wie Dünser war Dame Edna nur im Dresscode steif, ansonsten aber alles von ernsthaft, schlagfertig und humorvoll bis frivol, ließ es jedoch nie an natürlichem Respekt fehlen. Weswegen sich hochkarätige Prominente beiden gegenüber im Interview freimütig öffneten.
Was für Dünser Lebensart war, war für Humphries eine Rolle. Beide schafften hinter den magischen Trick, hinter den Schutzwällen von Rolle und Attitüde aufrichtig zu sein, ihre Gäste und Gesprächspartner zu umarmen, nicht zu veralbern und ihnen und ihrem Publikum trotzdem viel Spaß zu bereiten. Das war damals selten und ist es heute noch mehr.
Ich möchte mir jetzt vorstellen, dass es einen Himmel gibt, und dann sehe ich da Dame Edna mit Roger Willemsen auf einer Wolke versonnen Michel Petrucciani an einem gladiolenverzierten Flügel beim Klavierspielen zuhören. Irgendwann, für einen kleinen Moment, dreht sich dann kurz zum Zuschauer und flüstert mit einem Mundwinkel grinsend: „Goodbye, possums!“
„The comprehension of sweet sound is our most indefinite conception. Music, when combined with a pleasurable idea, is poetry. Music without the idea is simply music. Without music or an intriguing idea, colour becomes pallor, man becomes carcase, home becomes catacomb, and the dead are but for a moment motionless.“ (Edgar Allan Poe, nach Diktat verstorben. Zitiert nach Alan Parsons Project: „Tales Of Mystery And Imagination“, 1976.)
Warum huldigen eigentlich Schwule so oft Frauen? Ich meine, ich habe noch keine Hete erlebt, die schwärmerisch Rosa von Praunheim oder Wally Bockmayer hochhielte. Aber die besten Tittenbilder finde ich nach wie vor auf schwulen Hompages. Und kein heterosexueller Mann hat die Titten von Wuchtbrummen wie Barbara Valentin, Evelyn Künneke oder Montserrat Caballé je so gekost, wie ihre schwulen Busenfreunde. Auf der Hompage von Reiner Calmund dagegen suche ich Schwänze vergebens. Erstaunlich, nicht? Grübel, grübel.
SAMSON – eine Anzeige aus der TITANIC 6/82. Wer rauchte in den 1980ern eigentlich SAMSON? Die Harten rauchten VAN NELLE, die Masse saugte an DRUM-Gedrehten, die Mädchen schworen auf The Artist Formerly Known As JAVAANSE MILD (heute „JAVAANSE CLASSIC“) – aber SAMSON? Der halbschwarze Tabak mit dem Löwen im Wappen hatte es schwer unter den umwelt- und preisbewussten Kettenrauchern der 1980erjahre. Dabei hatte er diese wunderschöne Werbekampagne.
SAMSON suchte seine Kunden in der Zeit der ersten Bioläden, und die hatten es faustdick hinter der Theke: was ökologisch angebaut war wurde dort von Menschen, die wie (gewaschene) Mitglieder der Kelly-Family aussahen, auf Neusprech verkauft: „Ey, danke du, nee, wirklich Du… Die Socken hab ich aus ökologischen Schafen selbst gestrickt, ne.“ Kein Scheiß. Wir sprachen echt so. In den ersten Ökoläden wurden die Produkte zudem zu Preisen verkauft, die die Betreiber von Reformhäusern erblassen ließen – nur mehr schwer vorstellbar in Zeiten von Ökodiscounts und Joschka Fischer in Nadelstreifen, aber damals hüteten sich die Ketten von KAISER’S bis LIDL, auf ihre Produkte „ÖKO“ zu schreiben, das galt als überteuert, übertrieben, wurde mit den Langhaarigen aus den Anti-Atomkraft-Kommunen zusammengebracht – kurz: das Siegel „ÖKO“ galt als massiv geschäftsschädigend. Heute wirbt selbst bei Discounter NETTO (The Artist Formerly Known As PLUS) die Fernsehprominenz für ökologisch korrekte Discountlebensmittel. Damals warb nur Rudi Carrell für EDEKA (was niemand supergeil fand), und die verkauften Fleischsalat, in dem waren wahrscheinlich („Lass Dich überraschen … “) mehr Konservierungsstoffe als Mayonnaise und Fleischstreifen zusammen.
Die Inhaberin unseres Bioladens war sich, was SAMSON anging, wie viele andere, sicher und untermauerte so ein weit verbreitetes Gerücht: SAMSON sei giftig, denn er habe einen überhohen Blausäureanteil, das käme daher, dass sie Hersteller nicht nur den Tabak sondern zum Behufe der Gewinnmaximierung auch die Blattstiele und ganze Äste ihrer Tabaksträucher – traditionell die Stelle im Rauschkraut, wo sich Blausäure konzentriere – in die Pakete schredderten. Nun waren wir zu der Zeit vielleicht alle etwas verstrahlt, aber dass Rauchen nicht besonders gesund war, das wussten wir auch ohne Warnhinweise – deswegen ließ uns das mit der Blausäure ziemlich kalt – tödlich oder doppelt tödlich kommt letztlich auf’s selbe hinaus. Vielen reichte aber schon das mit den Ästen, denn es gehört wirklich zum nervigsten, was man als Drehtabakkonsument kennt: holzige Teile im Drehgut – sie bohren sich beim Drehen durch das Papier und man kann von vorn anfangen oder man bemerkt sie erst beim Rauchen, wenn sie, knalltrocken wie sie sind, die Zigarette in einem Zug an der Seite von vorne bis hinten abfackeln wie die Zündschnur im Vorspann von „Mission Impossible“. Nicht schön. Und im ansonsten sehr schmackhaften SAMSON war tatsächlich immer auffällig viel Unterholz, man mochte ihn nicht so wirklich – dabei hatte er diese wunderschöne Werbekampagne!
SAMSON machte wahrscheinlich immer schon den meisten Umsatz im Ausland: im Urlaub rauchten alle den Tabak mit dem launigen Löwen, denn SAMSON war – warum, darüber rätsele ich bis heute – der einzige angebotene Drehtabak in allen Ausländern von Frankreich über Italien bis Griechenland – kurz in jedem Ferienland, in das uns Interrail führte. Interrail war übrigens eine Fahrkarte, mit der man als Jungmensch 26 Länder zum Preis von 440 Mark für einen Monat zweitklassig im Zug bereisen konnte. Wenn man im bereisten Ferienland also überhaupt Drehtabak für seine Joints bekam, dann bekam man SAMSON – und erntete Kopfschütteln, warum man überhaupt drehte, machte man sich doch in Europa nicht die Arbeit zu drehen, denn überall waren Zigaretten noch billiger als Drehtabak in Deutschland: zwei Franc, achtzig Centimes zahlte ich 1982 in Frankreich für eine Packung CAMEL, das entsprach etwa 45 Euro-Cent. Die inländischen Zigaretten – GAULOISES und GITANES – waren, da staatlich subventioniert (!), sogar noch billiger. Zum Vergleich: zwei Mark 70 zahlte ich zur selben Zeit in Deutschland für ein Päckchen Tabak – etwa 1,30 Euro.
SAMSON investierte einen guten Teil des Verkausfserlöses wahrscheinlich in seine wunderschöne Werbekampagne, ja, jetzt soll endlich davon die Rede sein. Ähnlich wie LUCKY STRIKE hatte man im Tabakhaus Niemeyer ein sehr wiedererkennbares Thema für die wiederkehrenden Anzeigen- und Plakatmotive gefunden: SAMSON warb mit Zeichnungen von vermenschlichten Löwen, die in Kneipen saßen – die Anzeigen inszenierten die linksalternative Szene als kuschelige Fabeltiere. Das war der große künstlerische Wurf des Wuppertaler Illustrators Wolf Erlbruch, der eigentlich Kinderbücher zeichnen wollte, aber bei mehreren Verlagen damit abgeblitzt war und im Werbekampf um handarbeitende Nikotinadepten die Windeln fürs erste Kind verdiente. Mit Erfolg. Die SAMSON-Kampagne verhalf dem Absolventen der renommierten Essener Folkwang-Schule, wo auch Suhrkamp-Designer Willy Fleckhaus lehrte, zum Durchbruch: der Wuppertaler Verleger Hermann Schulz betraute ihn mit der Illustration des Kinderbuchs „Der Adler, der nicht fliegen wollte“ und sein eigener Erstling „Das Buch vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ wurde in 25 Sprachen übersetzt, verkaufte innerhalb kürzester Zeit über 1 Million Exemplare und geht bis heute jährlich in 50 bis 80 Tausend Exemplaren über den Ladentisch während Erlbruch selbst heute im Fachbereich Architektur-Design-Kunst an der Bergischen Universität Wuppertal lehrt. Ob er sich dann und wann eine SAMSON dreht? Wenn allerdings überhaupt heute jemand ohne zu googeln seinen Namen kennt, dann verbindet man ihn immer noch nicht mit wunderschönen Kinderbüchern mit sperrigen Titeln, sondern mit rauchenden Löwen aus den Achtzigern. Der Fluch des Ruhms, das wissen auch Winnetou, der Melitta-Mann und Horst Schimanski.
Das Motiv über diesem Artikel verdeutlicht, wie sehr Erlbruchs Illustrationen für SAMSON den Zeitgeist spiegelten: 1982 war der Zirkus RONCALLI, wenn man so will, das angesagteste Alternativtheater der Republik. Der vom österreichischen Grafiker Bernhard Paul (wie heißt der eigentlich mit Nachnamen?) und dem damals als schrullig-hedonistischem Chanson-Exzentriker bekannten Dialektsprecher namens André Heller ((der mit Carrells Anke turtelte, wenn Rudi grad bei EDEKA abhing)) gegründete Nostalgie-Zirkus war der Theaterliebling auch der alternativen Linken, die neben Pink Floyd und Led Zeppelin eben auch Schmusepoesie in Form von Leonard Cohen oder Herman van Veen vergötterte. Die verträumten stummen Geschichten des Schweizer Clowns Pic, dem Counselor Troi der romantischen Bühnenkunst, der zu herzzerreißender Musik in der Manege von RONCALLI mit Seifenblasen flirtete, trat in Westdeutschland einen wahren Pantomimenboom los, und dass der Zirkus RONCALLI immer wieder mit dem Gerücht zu tun hatte, mit Scientology verbandelt zu sein („Ey Mann, wenn man den Namen umdreht heißt es ‚I CALL RON’!“) gehört wohl in dieselbe Abteilung Kneipengespräche, die sich mit der Frage der Blausäurekonzentration in SAMSON-Tabak auseinandersetzten.
Auf dem obigen Plakat hat Wolf Erlbruch mit seinen Löwen jedenfalls RONCALLI inszeniert: links Bernhard Paul, dessen Vorliebe fürs Skurrile sich schon damals nicht in der Auswahl seiner Sonnenbrillen erschöpfte und vorne der Clown Pic der den geneigten SAMSON-Rauchern seinen Seifenblasenflacon ausleiht. RONCALLI zehrt immer noch vom Ruhm dieser alten Zeiten. Und im Ausland wird zur Urlaubszeit wahrscheinlich immer noch SAMSON geraucht. Nur Interrail ist nicht mehr wie früher, seit der Fahrausweis mit dem zonigen Logo eingestampft und das Fahrgebiet in Zonen eingeteilt wurde. Warum wohl? Leiden die Strategen der Deutschen Bahn an schleichender Blausäurevergiftung? Oder ist Scientology im Spiel? Fragen über Fragen. Weiter mit Musik!
Hiervon hätte ich bitte gern mal die PSD.
[Zum vergrößern Bild anklicken.]Im Spiegel mein zerschnittener Körper. In der Mitte geteilt vor der Operation, die mein Leben gerettet hat. Wozu? Für ein Kind, eine Frau, ein Spätwerk. Leben lernen mit der halben Maschine. Atmen, essen, verboten die Frage ‚wozu?‘, die zu leicht von den Lippen geht. Der Tod ist das einfache. Sterben kann ein Idiot.Heiner Müller
Da sind wir, uns wir fühlen uns wichtig. Für einen Moment vergessen wir unsere Sterblichkeit, weil wir eine Aufgabe erfüllen. Die Aufgabe ist ein Vergessmittel, eine Droge. Vielleicht überlebt es uns sogar, das, was wir im Dienst der Aufgabe getan haben? Wir halten uns fest an Mikrofonen und Kameras, Dingen die Spuren von dem festhalten, was unbedingt verschwinden wird: wir. Verbrannt, verscharrt, vergessen. Wer erinnert sich noch an den Bäcker Joe Kowalski, der in der 13., Ecke Union Square in New York von 1902 bis 1943 die besten Bagles der Stadt machte? Wer erinnert sich an seine Frau Aneta, die die Sonne aufgehen ließ, wann immer sie das Ladenlokal betrat? Und an all die Kunden, die Aneta und Joe als das größte Traumpaar aller Zeiten feierten? Wer erinnert sich an ihre rauchige Stimme und ihr unwiderstehliches Lächeln? Wer erinnert sich an Joes chaotisches Wesen, den Wirrkopf der nur dann voll konzentriert schien, wenn er seine Bagles ins Honigwasser tauchte? Niemand. Kein Wunder, denn ich hab’ ihn gerade erfunden. Oder nicht? Sehen Sie.
Wem bedeutet es hierzulande etwas, dass in Amerika gerade Walter Cronkite gestorben ist, der Mann auf dem Foto da oben? Walter Cronkite, der Hajo Friedrichs der USA. Wer war Hajo Friedrichs? Sehen Sie. Walter Cronkite. Hinter seinem Mikrofon mit dem Telefon am Ohr sieht er so aus, als lebe er im festen Gefühl (und er gibt es an uns weiter), alles würde immer so weitergehen, als würde alles immer existieren, so wie er und seine Aufgabe: „to hold up the mirror – to tell and show the public what has happened“. Dabei ist nichts für ewig und es kommt für alle der Tag, an dem sie nur noch ein Katzenleben haben oder weniger. Ob wir Bagles backen, die Liebe unseres Lebens finden, ob wir den Flugschein machen, um in ein Haus zu fliegen oder ob wir über all dies berichten.
Das Mikrofon ist nicht wichtig.
Wichtig sind die Menschen, die unsere Hand halten, bis wir wieder verschwinden. Die sind auch da, wenn wir das Mikrofon nicht mehr halten können. Und werden wie wir, aber was können wir schon dagegen tun, vergessen von einer Spezies, die nicht mal so einen Kleinkram wie Ewigkeit oder die Unendlichkeit des Universums begreift. Wie Walter Cronkite immer sagte: „And that’s the way it is”.
Weiter mit Musik.
„Selbstverständlich können wir es uns nicht leisten, aber wenn ich darauf warten will, dass ich mir etwas leisten kann, werde ich nie etwas bekommen.“ Edgar Wallace
You know, I listen to the radio a lot and there’s a guy that comes on and says, “Have a good day today and enjoy.” I hate the word “enjoy.” Because to me life is not about enjoyment or, in other words, getting for yourself. That’s not why we’re here. The reason of life, to me, is all about giving. Giving is what gives me happiness. Making somebody else happy is the greatest thing you can do.Sonny Rollins
„You take a pencil and you make a dark line, then you make a light line and together it’s a good line. There’s so many good things!” (Peter Falk, „Der Himmel über Berlin“, 1986.)
Peter Falk kann sich nicht mehr daran erinnern, dass er Schauspieler und Zeichner war. Der Arzt, der jetzt die rasch fortschreitende Demenz der 81jährigen TV-Ikone für das Vormundschaftsgericht attestierte war besonders betroffen davon, dass Falk sich nicht mehr daran erinnern kann, jemals Columbo gewesen zu sein.
In this world of ordinary people
Extraordinary people
I’m glad there is youIn this world of overrated pleasures
Of underrated treasures
I’m so glad there is youI live to love, I love to live with you beside me
This role so new, I’ll muddle through with you to guide meIn this world where many, many play at love
And hardly any stay in love
I’m glad there is youMore than ever, I’m glad there is you
„I’m So Glad There Is You (In This World of Ordinary People)“
Musik: Jimmy Dorsey, Text: Paul Madeira. Decca 18799, 1941.#SchleFaZBeiNitro – Bald schon der zweite Drehblock #SchleFaZ dieses Jahr! Yeah! @_SchleRaZ_ hat mir grad die Screener dafür geschickt. Whoa! @twitkalk und @_PeterRuetten_ lassen es krachen mit @NITRO oder, wie es Fehlfarben schon 1982 sangen: ⬇️⬇️⬇️
Sven K. – JournalSven Knoch2026-09-14T02:38:49+02:00
