Als Rauchen noch nicht tödlich war (3): Gauloises Caporal

Eine Anzeige aus der TITANIC Nr. 4/1981. Die GAULOISES Caporal waren kompromisslos stark. Es machte keinen wirklichen Unterschied, ob man sie mit oder ohne Filter rauchte. Wer sie zwischen den Lippen führte, fühlte sich wie ein Schwerstarbeiter im hochsommerlichen Straßenbau, und war definitiv derjenige, der den Teerlaster fuhr. Ich persönlich rauchte die GAULOISES Caporal mit 17. Allein schon für die Gesichter, wenn mich jemand fragte „Haste mal ’ne Kippe?“ und ich eine davon anbot. Meist wurde mein Angebot dann, und ich sah das jedes Mal voraus, abgelehnt und ich hatte als einziger in der Teestube des Jugendzentrums meine Kippen für mich selbst – was in Anbetracht des Taschengelds, das sie finanzierte, sehr fein war. Ich hatte die GAULOISES Caporal von meinen Eltern übernommen, die rauchten nur die – ohne Filter und wenn sie gerade keine Zigarillos rauchten.

Les brunes nannten die Franzosen die GAULOISES Caporal, diese ehrlichen starken Lungentorpedos, die, geschmacklich kurz vor der Zigarre, in den 1980er Jahren das waren, was man vor dem inneren Auge hatte, wenn man GAULOISES dachte – nicht les blondes, wie die Franzosen die Marlboro-Imitation nannten, die die GAULOISES-Herstellerfirma SEITA France in den Achtzigern lancierte, und die heute synonym für GAULOISES sind (inklusive ihren rot- und beigeschachteligen Derivaten, die seitdem auch die Raucher von „R6“, nicht dem gleichnamigen Auto übrigens, ködern).

Die GAULOISES, die französischen Nationalzigaretten, gab es vor der „blonden Periode“ in Frankreich übrigens außerdem noch in einer roten, einer orangen, einer grünen und einer gelben Packung. Die geschmacklichen Unterschiede waren marginal – alle ließen sie den Raucher atemlos („à bout de souffle“) zurück.

Die grünen und die roten GAULOISES schmeckten wie die blauen, die orangen gaben vor, einen amerikanischen Geschmack zu haben („Goût Maryland“), schmeckten aber ebenfalls wie alle anderen nur die gelben, die letzteren waren noch stärker als alle anderen zusammen und zudem (nur die Harten kommen in den Garten) in Maispapier eingerollt, was machte, dass sie obendrein noch alle anderthalb Züge ausgingen.

Wem das immer noch zu laff war, der griff zu den GITANES im Maispapier, die rauchten auch die südfranzösischen Boulespieler, das heißt, sie rauchten sie nicht wirklich, denn sie waren so stark, dass sie schon nach dem jeweils ersten Zug ausgingen und dann stationär in einer Lippenseite geparkt wurden; das Zigarettenpapier ging dann eine feste Verbindung mit den Lippen ein, was es ermöglichte, gleichzeitig die Rauchware, die aus drei Zentimetern halbverglühtem Papier und drei Zentimetern nicht gerauchter Zigarette bestand, im Mundwinkel der Wahl zu führen und gleichzeitig kluge Bemerkungen zum jeweiligen Stand des Boulespieles zu machen. Wer das nicht kennt, der begreift nicht, wie Lucky Luke gleichzeitig rauchen und schießen konnte, begreift nicht, wie es an Ende von Jean-Luc Godards Film „À bout de souffle“ („Außer Atem“) möglich ist, dass der junge Belmondo, bereits erschossen auf dem Kopfsteinpflaster liegend, im Mundwinkel noch eine qualmende Zigarette führt.

Die GAULOISES Caporal, das sind die Zigaretten auch der deutschen Jungbohème der 1950er bis 1970jahre, der Leute, die Django Reinhardt, Ella Fitzgerald und Miles Davis noch wie selbstverständlich auf Konzerten in jungfräulichen deutschen Jazzclubs erlebten um danach im Urlaub auf Sylt im Citroën DS sturztrunken ihre rietgedeckten Domizile zu suchen. Die GAULOISES Caporal sind die Zigaretten, die der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch rauchte, bis er in den 1990ern das Rauchen aufgab, die GAULOISES Caporal, das sind die Zigaretten meiner Eltern, die sich jetzt, längst Nichtraucher, auf Sylt zur Ruhe setzen, wo es nach Hagebutten riecht, nach den Holzbohlen der Dünenwege und nach Heidekraut.

Die GAULOISES Caporal gibt es auch heute noch und wenn man raucht, schmecken sie immer noch unvergleichlich gut am Strand – vornehmlich am französischen Atlantik oder in der Provence – in sengender Hitze. Sie beschwört noch heute alte Geister herauf – man inhaliert den schweren Rauch, hört sofort die Filmmusiken von Delerue, Solal oder Cosma. Man steht neben Bébél, de Funès oder Don Camillo und Peppone. Die GAULOISES Caporal sind im übertragenen Sinne das Kaliber Zigarette, das Bogart rauchte. Nur sie machen es verständlich, dass der Raucher die Augen zu Schlitzen verzieht, wenn er ihren Rauch einsaugt – denn täte er es nicht, würde ihm das beißende Grau, das er inhaliert, die Augäpfel versengen.

Wer je GAULOISES Caporal rauchte, weiß: Bogart oder Gabin wären mit einer Marlboro Light im Mund und zwischen Daumen und Zeigefinger so unmöglich gewesen wie Popeye ohne Spinat. Jane Birkin lebt immer noch – Paris Hilton würde, eine Caporal inhalierend, sofort sterben. Belmondo wäre in Godards „À bout de souffle“ die Kippe aus dem Mund gefallen, hätte er eine heutige GAULOISE geraucht und der Qualmschleier, hinter dem sich Jean Seberg im gleichen Film stets verbarg, hätte mit einer blonde nicht im Entferntesten so sexy ausgesehen.

Und am Ende  noch das: Ich habe immer noch Probleme, mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich in diesen Tagen meine GAULOISES nach Frankreich mitnehmen müsste, weil Zigaretten in Deutschland heute (relativ gesehen – sic) billiger sind als in Frankreich und zumal nach den immensen Umsatzeinbußen im Zuge der europäischen Nichtrraucherschutzgesetze mit dem zweiten Quartal 2017 die Produktion in Frankreich komplett eingestellt wird und alle gallischen Glimmstengel in Deutschland und Polen produziert werden. Das war mal anders, wie mal vieles anders war. Vor allem war Rauchen damals eine Lebensart und nicht, wie auch das Leben an sich, tödlich. Heute leben wir rauchfrei und sterben immer noch.

So schließ‘ ich die Augen, erinnere mich an den bräsigen Geruch der Caporal und das Knistern des verbrennenden Tabaks und höre noch einmal das Interview, das der Radiosender France Inter 1969 mit Jacques Brel, Georges Brassens und Léo Ferré führte. Wo der linke Macho-Liedermacher Léo Ferré erzählt, dass man Frauen immer wieder rausschmeißen müsse, weil sie den Mann an der Entfesselung seiner kreativen Energien hindern um dann schließlich zu singen: „Et je m’en fous … que je m’en fous. Moi, je continue ma vie d’artiste.“ Und Sie, freuen Sie sich schon jetzt auf die nächste lustige Achtzigerjahre-Tabakwerbung aus der TITANIC und neue Geschichten aus der Zeit, als das Rauchen noch nicht tödlich war.  Weiter mit Musik!

By | 2017-05-12T18:18:37+00:00 22. November 2012|Categories: Als Rauchen noch nicht tödlich war, Essen & Trinken|Tags: |19 Comments

19 Comments

  1. Anonymous 2012-11-24 at 04:32 - Reply

    Bin durch Google-Suche bzgl. Belmondo und Gauloises zufällig auf Ihrer Seite gelandet. Sehr unterhaltsamer und amüsant wahrer Bericht zu den Caporals. Habe Sie auf meinem Blog verlinkt. Grüße!

    • Sven K. 2012-11-24 at 05:38 - Reply

      Das freut; besten Dank!

  2. Balthasar 2013-11-27 at 10:57 - Reply

    Da kommen nostalgische Gefühle auf!
    Bitte, wo bekommt man heute noch blaue Gauloises????

  3. Günter Grefen 2013-12-28 at 21:42 - Reply

    80er Jahre, Freitagnacht: Krefeld, Seidenweberhaus mit dem Bus für 20 Mark (!) nach Paris, morgens um 6.00h in Paris, abends wieder in den Bus, irgendwann in der Nacht auf Sonntag zurück und immer Gauloises aus Paris dabei…war das cool! Höre gleich erstmal ein paar Serge Gainsbourg Platten…

  4. Manuel 2014-09-30 at 15:42 - Reply

    genaugenommen hat Leo gesungen „je m’en fiche…“, aber das tut nicht wirklich weh…

    • Sven Knoch 2014-10-01 at 00:02 - Reply

      Ja, wie konnte das denn passieren. Meine Erinnerung glättet alles. Auch die Kodderschnauze von Léo Ferré. Besten Dank.

  5. webpaul 2014-11-13 at 23:21 - Reply

    Chapeau! Dieses ist eine schöne Liebeserklärung an die Caporal!
    ich rauch sie seit 1976 … und werde damit freiwillig nicht aufhören!
    Allein schon weil sie immer noch nach Frankreich

  6. webpaul 2014-11-13 at 23:23 - Reply

    -Urlaub schmeckt. Vor allem im Herbst ist die Erinnerung an Sommer und Meer besonders schön!

  7. Urs 2015-06-30 at 22:50 - Reply

    Herrlich – So ein wunderschöner Text über die Gauloises – DIE ECHTEN! Musste leider aus gesundheitliche Gründen mit dem Rauchen aufhören, habe eigentlich immer die „Luckies Ohne“ geraucht, aber in den 80ern die Blauen. Herrlich – dieser starke, dicke, fette Tabakgeschmack und dazu einen schweren, schweren Rotwein – seufz!

  8. Michel Kleinlogel 2015-08-06 at 02:50 - Reply

    Verzeihen Sie mir bitte meine Schriffäller, ich bin von Frankreich, in Elsaß gebohren.

    So etwas ergreifend habe ich schon lange nicht gelesen, und uberhaupt nie über eine Zigarette…….
    Dieser Text war so stark und so atemberaubend, genau wie die erste Gauloise vom tag, am fruhen morgen, die die Ihnen die Lungen aufwacht und den Kopf dreht .
    Es kammen mir, bei lesen, so viele bielder in den Sinn, meine Jugend, meine Heimat, Herbst in Elsaß, meiner Frau erster Kuss, der für sie sicher eine Gauloise geschmack hatte, eine ganz andere Lebensart die leider vorbei ist, und über alles war es, bei dem lesen, wie mein Vater, der sein ganzes Leben Gauloise Caporal geraucht hat, neben mir saß, ich könnte Ihnen neben mir hochen der Rauch von seiner Gauloise ausatmen………
    Sicher hatten in diesem Text, Belmondo, Gabin, Brel, Brassen, Irhen richtiger Platz, ich hatte auch ein Gedanke für die sehr großen Lino Ventura, Delon und Gainsbourg , die alle drei alls jung mit der Gauloise verheiratet warren und dan Spâter mit der große Schwester, die Gitanes, gingen……..

    Vielen dank für dieser Moment ( uns das hat absolut nichts mit V. Trieweiler oder F. Holland zu tun)

    Ich

    • Sven Knoch 2015-08-06 at 03:09 - Reply

      Merci. Merci beaucoup. Paraît que les parents qui fument des Caporal, ça marque … Mes parents les fumaient aussi et c’est à eux que je piquais mes premières clopes ;-) Oui tout ça est long long gone. Mais malheureusement ça nuit vraiment à la santé mais on n’a pas encore trouvé de remplacant pour la compagne du ballon de rouge, des moments de solitude et de joie partagée. C’est pour ça qu’au moment où quelqu’un me dit que je n’ai que 24 heures à vivre on peut se donner rdv devant l’hôpital pour fumer une dernière Gauloise. Si on en trouve. Et on evoie la fumée vers Belmondo, Brel et Brassens. Et, oui, vers le grand Lino Ventura et Gainsbarre. Merci encore pour ce commentaire. Amitiés de Berlin!

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