„Der alte weiße Mann“ ist, glaub ich, was Chemisches wie Pubertät. So viele entfremden sich im Alter. Beleidigungen werden als „missverstandener Scherz“ weggeredet und die Welt wär besser, wenn man König von Deutschland wär. Leider geht Altersgrantigkeit nicht weg wie Pubertät.
Jan Fedder * 14.01.1955 † 30.12.2019
Ach Jan Fedder … nach Klaus Wennemann und Dieter Pfaff noch ein großer Krimi-Vorraucher, dem die Rechnung des exzessiven Seins in Form eines Karzinoms um die Ohren fliegt. Mach’s gut! Das ist echt nicht fair, dass die Trösterchen, die den Vor-Spielern die Seelen im Lot halten, so giftig sein müssen. Einen Gin Tonic auf Euch!
ich werde dir erscheinen wie stets ich erschienen dir bin und du wirst weinen denn ich bin dahin
Born to be wild
Ein Malerfürst aus Mönchengladbach, in den 1960ern noch auf seinen Geburtsnamen „Klaus-Dieter“ hörend, klingelte nicht an der Tür, als meine künstlerverknallte Mutter einem vornamensgleichen Verehrer öffnete. Weswegen es mich gibt, denn Klaus-Dieter der Zweite wurde mein Vater. Wenn die Mär stimmt: Danke, Markus Lüpertz!
Als ich gehen wollte, sagte er, ich solle es ihm nicht übel nehmen, er käme nicht mit raus, er könne kaum gehen. Am nächsten Tag ist er bei der Schau schon nicht mehr erschienen. Er hat sie von zu Hause aus dirigiert, rief bis kurz vor Beginn die Näherinnen an und gab ihnen durch, was sie noch schnell ändern sollten. Suzy Menkes über Karl Lagerfeld
François Gragnon macht Bilder von Georges Brassens
Paris, Theater Bobino 1972. Georges Brassens vor den Zugaben. Brassens im Gegenlicht des Verfolgerscheinwerfers auf dem Weg zur Rampe, breitschultrig unter dem Jackett, ein Chanson-Handwerker im Sonntagsstaat, die Gitarre im Schallloch haltend wie einen Werkzeugkoffer. Das kleine Bobino-Theater rappelvoll, das Publikum hingerissen, überall Lachen, Applaus. Erinnert an Fotos von Johnny Cash, Auftritt im Folsom State Prison, fünf Jahre zuvor. Authentizitätsarbeiter waren beide allemal. Brassens. Cash.
Viele Entwicklungsstadien sind milde. Man bekommt Falten, einen Bauch, es fallen Haare aus, wo man sie will und sie fangen dort an zu wachsen, wo man sie nicht brauchen kann. Das alles sind Veränderungen, die man – was tröstet – mit Freunden und den Liebsten gemeinsam durchmacht und mal mehr, mal weniger wehmütig mitnimmt. Spätestens aber wenn die Borniertheit des Alters anfängt, wird es traurig. Viele Helden meiner Jugend sind jetzt um die Siebzig. Bei einigen ist es mir jetzt erst vergönnt, sie kennenzulernen – aber sie sind leider nur noch alte, selbstgefällige Männer die mir so kaltschnäutzige Abfuhren erteilen, dass sogar ihre danebenstehenden Frauen entschuldigend lächeln.
Cassiel
Right time, right place ist so üblich wie ein erwähnenswerter Lottogewinn.
Gern hätte ich noch eine Bar gekannt, in die man unter der Woche nach Mitternacht noch mit dem Taxi zum Feiern und saufen fahren kann. Aber ich war Schauspielstudent und hatte kein Geld um in Stockholm auszugehen: Nur ein großes Bier kostete in der schwedischen Hauptstadt schon in den 1980ern umgerechnet etwa acht Euro. Nicht machbar ohne Arbeitserlaubnis und mit monatlich 750 DM von den Eltern. 450 davon gingen für Miete, Bus und Bahn drauf, 300 blieben fürs Leben und im Supermarkt kostete der billigste Käse fünf Mark (West). Die Mitschüler gingen am Wochenende, sogar unter der Woche aus, ich blieb in der Schule, hasste sie dafür, sich ihrer Privilegien nicht mal bewusst zu sein und statt zu saufen und zu feiern probte und trainierte ich.
Dann kam diese Nacht, in der ich ich im Rahmen der Wim-Wenders-Werkschau am Filminstitut für die Synchrondolmetscherin eingesprang. Sie hatte die Handke-Dialoge des „Himmel über Berlin“ während der Filmvorführung synchronübersetzt, und völlig fertig zur anschließenden Podiumsdiskussion erschöpft das Handtuch geworfen. Ich hatte mich dann freiwillig gemeldet, zwischen Filmstudenten und Hauptdarsteller zu dolmetschen. Es wurde ein lustiger Austausch zwischen ihm, den ich bewunderte, und mir, ein Dialog, den ich den mir uninspiriert erscheinenden Studenten zwischendurch übersetzte. Sie fragten nach Rolle und Film, nicht nach Mensch und Künstler. Aber Schwamm drüber. Der Künstler war zu dem Zeitpunkt eh eher Mensch und wollte nur noch einen saufen gehen. Mir fiel, wie gesagt, auch nach langem Nachdenken nichts ein. Also fuhr er ins Hotel und ich nahm die U-Bahn in meine Studentenbude.
Ich war sehr frustriert, traurig und dem Schicksal superböse.
Schnitt. Wir haben das kleine Besäufnis zehn Jahre später in Köln nachgeholt, nach einer Ringelnatzlesung im dortigen ArTheater. Was war ich stolz, dass er sich da wirklich an unsere Stockholmer Begegnung und die missglückte anschließende Sauftour erinnerte. Zu der Zeit hatte man ihm die harten Drinks schon verboten, also reichte er mir die Schnäpse weiter, die man ihm ausgab, während wir lachten und er ein paar Flaschen Rotwein leerte („Der Doc sagte ‚keinen Schnaps mehr‘, von Wein war ja keine Rede.“).
Danach waren wir beide etwas schief ins Leben gebaut. Du stiegst betrunken im „Café Sehnsucht“ auf den Tisch und spieltest aus dem „Jedermann“ und diskutiertest lebhaft mit zufällig Anwesenden, ob eine Spülmaschine nun Wasserverschwendung sei oder nicht.
Und dann nahmst Du wieder das Taxi ins Hotel und ich wankte nach Hause.
Jetzt wohne ich sogar in seiner Stadt, aber nur seine Stimme ist noch zu hören im Berliner Tipi und sie gemahnt dort, vor der Vorstellung die Handys auszuschalten. Er selbst liegt auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof unter dem in den Boden gepflanzten Zeremonienstab.
Irgendwann begieße ich das Grab mit einem Schnaps oder zweien. Geht ja jetzt wieder, der Schnaps.
Right time, right place ist ein Arsch. Erinnerst Du Dich? Peymann sagte, du hättest so tot endlich friedlich ausgesehen. Ich sag: Schade, dass wir nicht noch einmal um die Häuser sind. Jetzt hätte ich die Kohle und ich wüßte auch wohin.
So oder so: wann immer ich im Berliner Tipi das Handy auf „stumm“ schalte, dann, weil du mich grad dran erinnert hast. Dafür, aber besonders für alles andere: Danke, Mann mit den Schnittblumen!
Außer Atem
Vergessene Tradition hört auf Tradition zu sein. Das ist die Gefahr für die Kultur, die durch Dummheit entsteht. Es gibt ja heute nicht einmal das Bewusstsein eines Kulturverlusts, da kulturelle Werte, die durch Erziehung und Bildung weder geografisch noch intellektuell verortet sind, nicht als fehlend bemerkt werden. Bemerkt wird eventeuell eine gewisse Leere, die in individueller Verzweiflung mündet, die aber nicht mit Inhalten gefüllt werden kann, weil die Inhalte wie die Werkzeuge zu ihrem Erwerb, die die Schule und die elterliche Erziehung bereitzustellen versäumt haben, fehlen. Der Staffelstab fällt mit dem Tod des letzten Läufers.
Seriell
Noch drei Independance Day-Filme. Noch drei Star Wars-Filme. Und immer noch und immer mehr Fernsehserien, die horizontales Erzählen weiter treiben als jeder Kinofilm. Kino versucht Fernsehen zu sein und Fernsehen Kino. Ich finde, das Fernsehen schlägt sich besser dabei, denn die Schlagzahl zwischen einzelnen „Folgen“ ist im Kino einfach nicht ausreichend. Zum Beispiel der Star Trek Reboot: keine drei Filme in sechs Jahren hat das Team von J. J. Abrams und Nachfolgern geschafft. In derselben Zeit hat Paramount vor 30 Jahren sieben Seasons „Next Generation“ gedreht, „Deep Space Nine“ und „Voyager“ auf den Weg gebracht und starke Geschichten erzählt anstatt zwischen zwei Episoden jahrelang tief Luft zu holen um es dann mal kurz und heftig blutleer krachen zu lassen.
Photoshop 3D
„Das ist nicht die Raumerstraße“, sagt sie, als wir Crossing Lines schauen. Wenn man es weiß. Allerdings ist das Straßenschild Original Berlin und die Graffitis stimmen in der Anmutung. Barrandov ist so gut wie das Original. Es sei denn man kennt das Ausgangsmaterial. Barrandow ist das Photoshop der Baubühnen. Immer wieder: Wow!
https://www.facebook.com/barrandovstudios
This is hot
Du machst die Tür auf und denkst: „Scheiße hat das Auto lang in der Sonne gestanden! Unglaublich, was für eine Bullenhitze entstehen kann, wenn man nur alle Türen und Fenster zumacht und Sonne auf die Karre scheinen lässt!“ Und dann wird dir klar, dass du nicht aus dem Park kommend ins Auto steigst, sondern im Auto sitzt und die Tür zum Park aufmachst.
Die Truman Show 2
Es stellt sich heraus, dass Truman zwar die Flucht aus dem Studio gelungen ist, dass im weiteren Leben zwar die Welt echt, alle Menschen um ihn herum indes weiterhin Schauspieler sind. Nur wo sind die Kameras? Wer führt diesmal Regie? Für wen wird produziert? Gibt es irgendwo auf der Welt Menschen, deren Drehbuch nicht schon geschrieben ist?
Piotr
Ich kannte ihn als er noch nicht aus Bronze war, und sehr lebendig drin in diesem Café mit dem Ensemble seine Kabarettprogramme besprach. Ich zeichnete ihn gern als Engel. „Aber ich bin doch noch nicht tot“, sagte er dann. „Es ist eine Metapher“, sagte ich. „Sehe ich aus wie eine Metapher“ fragte er zurück und wir tranken von dem, was in Krakau zu der Zeit Konjak hieß und aßen Flaczki dazu.
Comic-Collab #8 “Dinge, die wir als Kinder geglaubt haben”
Wie das mit stiller Post so ist (und diese Stöckchenaktionen sind ja irgendwie ein Ableger davon), manchmal versteht man was anders als der Vorgänger. Ich hatte, als ich Lisas Beitrag zur Comic-Collab #8 sah, zuerst gelesen „Dinge, die uns als Kinder traumatisiert haben“. Folgendes entstand:
[17.05.2012 18:04] Mit dabei bisher (werden mehr):- Initiatorin Schlogger und die eckigen Augen
- Ben und die Verkehrsschilder
- Anna und die Sprache
- Jeff und das Fleisch
- Jojo und Ernst Thälmann
- Jo Lott und der Weidezaun
- Julia und das Meer
- (eigentlich Programmierer-) Nick und die Waschbären
- Noody und die Badewannenmonster
- Moritz und die allgemeinen Kindheitsverwirrungen
- Pete und die Gespenster
- Hiller und die Schlagermusik
- Lisa Neun und die fliegenden Zöpfe
Michael Jackson: Erstes Probenfoto
Auf einem ersten Probenfoto zu seinen Londoner Farewell-Auftritten im Juli in London sieht Popstar Michael Jackson seltsam angespannt aus: hier das Bild bei Spiegel Online.
