Als Rauchen noch nicht tödlich war (4): DRUM

Von | 2017-05-12T18:18:25+00:00 27. November 2012|Kategorien: Als Rauchen noch nicht tödlich war, Essen & Trinken|Tags: |6 Kommentare

Eine Anzeige aus der TITANIC 10/81. DRUM Tabak. Wir sehen eine Rotte Cannabis-Adepten bei einer Radtour vom niederrheinischen Krefeld zu einem Coffeeshop im niederländischen Venlo. Kandidat A (oben im Bild) vedingte sich später als CAMEL-Mann, der Kollege unten links als Rainer-Werner-Fassbinder-in-besseren-Zeiten-Lichtdouble.

DRUM befleißigte sich in der Werbung keiner lustigen Sprüche. DRUM brauchte das auch nicht, denn DRUM war „echt“, war die Mutter aller Selbstgedrehten-Tabaksorten im wilden Westen der geteilten Republik Anfang der 1980er Jahre. Wie stilbildend DRUM war wird deutlich wenn man sich vor Augen führt, dass alle anderen später markteingeführten Tabaksorten das Packungsdesign der holländischen Feinschnittsorte imitierten: fette weiße Lettern auf blauem Grund, umgeben von rot-golden mäandernden Ornamenten.

Wer die erwähnten wilden Achtziger erlebt hat und sich daran zu erinnern versucht, der hat gleich den Geruch eines frisch geöffneten DRUM-Päckchens in der Nase – zusammen mit dem Duft von regennassem Asphalt, der sieht endlose niederrheinische Weiden, die bevorzugt am Fahrrad vorbeiziehen – bei viel Wind und noch mehr Wetter, denn schließlich war es ja der Niederrhein und mit dem Fahrrad war man zu der Zeit unterwegs, Hollandrad, klar, und wer aus betuchtem Hause kam oder beim wochenendlichen Apothekendienst viel rausgefahren hatte, der fuhr den Nobelholländer GAZELLE und meisterte so den zusätzlich auftretenden fiesen niederrheinischen Gegenwind (der gerne mit penetrantem nichtendenden Nieselregen einherkam) mit der guten SACHS-Dreigangschaltung; wer noch besser dran war, dessen GAZELLE war außerdem ausgestattet mit einem luxusgefederten KROKUS Ledersattel und trug bei seinen Radtouren zu den Freunden in verstreuten Vororten mit skurrilen Namen wie „Fischeln“, „Kapellen“, „Willich“ oder „Tönisvorst Zwei“ über dem obligatorischen Bundeswehrparka mit abgetrennter Deutschlandflagge und dem unverzichtbaren Palästinenserschal das ostfriesische Ölzeug, den „Friesennerz“, der damals noch in kleidsamem Knallgelb daherkam.

DRUM war im niederrheinischen Krefeld weit verbreitet, weil die Stadt nahe an Holland lag und somit voll im Einzugsbereich der niederländischen Herstellerfirma DOUWE EGBERTS – und die hatten, was ihre Produktpalette anging, den Vogel abgeschossen: sie stellten die vier maßgeblichen Produkte her, die man auf dem regengebeutelten platten Land brauchte, um die Seele warm zu halten: Kaffee, Tee, Kakao und Tabak – DRUM eben. Wäre in Deutschland jemand auf diese naheliegende Idee gekommen, dann hätten wir ’83 zwischen zwei Abi-Klausuren auf dem Klo unsere Joints wahrscheinlich mit Melitta Halbschwarz, Jacobs Krausem oder Tchibo Mild gedreht, aber so war es halt DRUM.

Unsere sechzehnjährigen Küsse schmeckten alle nach DRUM und irgendwas. In den Schulfreistunden nach kaltem DRUM-Rauch und Tchibo-Pausenkaffee für sechzig Pfennig, an den Wochenenden nach kaltem DRUM-Rauch, Gras, Rasen, Lagerfeuer, „Mavrodaphne“ und all den anderen klebrigflüssigen Folterinstrumenten der hellenischen Kellerei Tsantali, wie man sie auf der Suche nach einem One-Night-Stand Frch und rotem Zweiliterwein, Marke „Römerkrug“. Oder nach kaltem DRUM-Rauch und den Alkoholschwaden billiger griechischer Likörweine mit Namen wie Samstagnachts von den Georges-Moustaki-Lichtdoubles dieser Welt in Absackerkneipen serviert bekam, wie man sie man heute nur noch in der WDR-„Lindenstraße“ zu sehen bekommt. Ja, die hießen tatsächlich alle „Akropolis“. Oder „Sirtaki“. Oder „Z“. Wie die Italiener bis heute alle „Pinocchio“ heißen. Oder „Venezia“ oder „Roma“. Und alle Jugoslawen (oder heute Serben und Kroaten und, und, und) „Split“ oder „Dubrovnik“.

DRUM hatte ich schon als Nichtraucher – meine beste Freundin, die mir nie Freundin sondern immer nur beste Freundin sein wollte, hatte etwas bei mir deponiert, nicht für mich sondern falls rauchenden Freunden zu Besuch bei mir der Tabak ausginge. Letztlich hatte ich das Depot natürlich selbst geleert und war angefixt. So begleitete DRUM schließlich auch mich durch die erste Hälfte der Achtzigerjahre. DRUM war dabei, als mir meine erste Freundin (sie 21, ich gerade 17) im Herbst 1980 (oder war es ’81) sagte, sie wolle mich heiraten und Kinder mit mir haben und mich – damit ein wenig überfordert – in eine brutale Flucht schlug; DRUM begleitete mich zur Unterzeichnung des Krefelder Appells, DRUM rauchten wir, als wir auf dem Krefelder Sprödentalplatz bei „Künstler für den Frieden“ das Grußwort von Winnie (damals noch immaculata) Mandela empfingen und wir rauchten noch zwei drei mehr, als Joseph Beuys die Bühne betrat und sang: „Wir wollen Sonne statt Reagan“. DRUM rauchten wir, als wir die druckfrischen Raubdrucke von Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ verschlangen. DRUM rauchte ich nervös, bevor ich vor die Kommission zur Gewissensprüfung trat, als ich den Kriegsdienst verweigerte, die damals übrigens wirklich tribunalsähnlich ablief, liebe neu Hinzugekommenen: unter einer Deutschlandfahne und inklusive einem desinteressierten Beisitzer, der während meiner penibel einstudierten pazifistischen Ausführungen die BILD las. DRUM rauchte ich bei der großen Bonner Friedensdemo gegen die nukleare Nachrüstung als ich Heinrich Böll zuhörte (das, liebe Kinder, war der William S. Burroughs von Köln der mit seiner Baskenmütze so aussah wie der späte Groucho Marx, der aber lange nicht so lustig war).

Viele Zigaretten- und Tabakmarken begegnen mir übrigens bis heute weiter auf den Kneipentischen meines Vertrauens. DRUM aber ist verschwunden. Wo sind sie hin die DRUM-Raucher? Sind sie verschwunden wie die, ehem, Friedenssongs von „alle die gegen Atomkraft sind – aufsteh’n“-BOTS (die sich mit „Was wollen wir trinken“ bis heute am Ballermann gut halten)? Wie Heinrich Böll, Winnie Mandela und Joseph Beuys? Sind jetzt nur noch die Marlboro-Lights-Popper übrig und werden sie untergehen wie die WESTsüchtigen Loveparade-Aktivisten?

Schwamm drüber. Ein Königreich für ein Päckchen DRUM. Und die Erinnerung daran, dass ich DRUM auch rauchte, nachdem ich 1980 unter der Gesamtausgabe der Suhrkamp-Taschenbuchreihe (der ganze belletristische Regenbogen, gestaltet von Designgott Willy Fleckhaus) unter Zuhilfenahme eines knallroten Kondoms mit Erdbeergeschmack durch eine kommunistisch jugendverbandelte Mitschülerin (die mit dem frühen Kinderwunsch) entjungfert worden war. DRUM rauchten sie und ich übrigens auch, als wir uns lachend auf dem riesigen Bett fläzten, als der damalige Tagesschau-Anchor Karl-Heinz Köpcke zum ersten Mal „der amerikanische Präsident Reagen“ sagte, und als er zum erstem Mal „Bundeskanzler Kohl“ sagte, und als wir uns sicher waren, die Leute würden die beiden bestimmt schnell wieder abwählen, da es ja wohl offensichtlich sei, dass die beiden von Politik nichts verstünden im Gegensatz zu Carter, Schmidt oder Brandt. Ein Päckchen DRUM drehten wir gemeinsam weg, am Tag als der Lebensgefährte der Geliebten uns dahinter kam und uns trennten, weil ich, wie erwähnt, Angst davor hatte, mit knapp siebzehn eine Familie zu gründen. Der Gehörnte rauchte übrigens (wie der Günther Grass) SCHWARZER KRAUSER, aber das ist eine andere Geschichte und die soll, wie schon Michael Ende sagte, ein andermal erzählt werden.

Klicken Sie also auch künftig wieder her, wenn es die nächste Rauchwaren-Anzeige aus einer TITANIC der Achtziger zu sehen gibt. Alle TITANIC-Hefte mit ihren schönen Tabak-Anzeigen gibt es übrigens, die Info reiche ich gerne weiter, auch heute noch im TITANIC-Shop zu kaufen – und beim Erwerb bekommen Sie überdies noch völlig gratis schöne zeitlose Cartoons und Glossen von F.K. WaechterRobert GernhardtChlodwig Poth und vielen anderen dazu. Weiter mit Musik!

6 Kommentare

  1. […] [text] ah, der vierte teil der wunderbaren reihe als das rauchen noch nicht tödlich war (svenk) […]

  2. Michael Schmidt 2012-11-27 um 14:31 Uhr- Antworten

    In China ist es auch nicht toedlich…

  3. Serge 2015-06-29 um 04:28 Uhr- Antworten

    Was für ein Genuss, diese Texte zu lesen!
    Für mich, geboren im Januar 63, aufgewachsen im Pott, eine wahre Zeitreise.
    Meine ersten Zigaretten waren von Verwandten Gemopste.
    HB (Onkel), Attika (Oma), Reval (taubenzüchtender (!) Opa).
    Die Nachbarstochter, damals ca. 17, mit echten Brüsten, langem Haar, Boots an den Füßen und nach Patschouli duftend, und ihre Clique aus weiteren Hippieschönheiten und zauseligen, langhaarigen Vollbartträgern, rauchte selbstgedrehte Zigaretten. Ich war ungefähr 12, kannte Lucky Luke noch nicht und so war diese Nachbarstochter und ihre Clique für mich dere Inbegriff des Cool-Seins.
    Verliebt war ich obendrein. Der Tabak den sie rauchten war SAMSON. Natürlich boten sie dem Kleinen von nebenan nichts an, aber wenn ich in ihrem Alter wäre würde ich auch Drehtabak rauchen, Boots und speckige Lederjacken aus der Altkleidersammlung tragen. Das war mein fester Wille, den ich ein paar Jahre später auch konsequent umsetzte. Nur dass ich, wie fast alle meine Altersgenossen, DRUM rauchte. Alle rauchten Drum. Bis zu dem Zeitpunkt, wo Javaanse Jongens in Mode kam. Der Helle wurde dann zum rollen von Joints bevorzugt. Zugekifft den heimischen Flokati mit Tabak vollkrümeln und dazu Fusion-Musik von Weather Report und , war eine Angebetete dabei, Keith Jarrets Köln Concert hören, gehörte zum Alltag. Dazu mit Kirsche oder Karamell aromatisierten Tee aus billigem marrokanischen Teegeschirr schlürfen und sich Passagen aus DER PAPALAGI, irgendwas von Hesse, oder dem Bericht des Club of Rome vorlesen. Wir waren die besseren Menschen. Die Zukunft gehörte uns.
    Viele der damaligen Weggefährten wurden Lehrer, Erzieher, Krankenpfleger und nicht Wenige engagierten sich in der Anti-AKW-Bewegung und traten den Grünen bei.
    Man fuhr Ente, Diane, VW Käfer oder Bulli oder eben Hollandrad.
    An den Wochenenden fuhr man nach Haltern an den Baggersee oder an die holländische Küste, wo man zugekifft am Strand lag, in der Nordsee schwamm, Frikandel Speciaal, Kaassouflee und Bamiball aß, und sich mit Vanillevla, süßem Pikeurtje und Bier Hirn und Leib verkleisterte.
    Die Weichen zur grünen Spiessigkeit waren gestellt.
    Wären da nicht Frank Zappa und die im November 79 gegründete Satirezeitschrift TITANIC gewesen.
    Schnell bildete sich eine Gruppe von Leuten, die der Spiessigkeit und dem Patschouliduft von Frauen (die man eh nicht bekam, da man sie ja zu verstehen glaubte, bzw. Ihnen dieses Gefühl gab) den Rücken kehrten.
    Kiffen wurde langweilig, die eigene Gitarre wichtiger als das Pädagogenpack und verspätet zog modisch der Existentialismus ein. Man kleidete sich schwarz und passend dazu las man Sartre und Camus. Der Tabak wechselte von DRUM zu Van Nelle schwarz und Galouises, Gitanes. Selten brachte mal jemand aus Frankreich oder der Schweiz Gitanes Maiz mit.
    Die Jahre vergingen, ich zog nach Hamburg und später nach Berlin. Finanziell besser gestellt und aus praktischen Gründen wurde die damals neue Marke PRINCE DENMARK zur Alltagsmarke.
    Grünes Weltverbessertum und Frauenverstehen wurden komplett abgelegt was mit großem Erfolg in Sachen Geschlechtspartnerinnen einherging.
    Was unverändert blieb war die Gitarre, die einen nie enttäuscht hatte und die immer treu war.
    Mit 40 dann auf die einzige „Öko“-Zigarettensorte, die auch schmeckte und stark genug war, umgeschwenkt: PUEBLO.
    Zigarette selbst gestopft, da diese besser schmecken als die fertigen „Aktiven“ (wie wir früher im Ruhpott sagten).
    Kurz vor dem Erreichen des halben Jahrhunderts Erdendaseins begann der Körper nicht mehr wie gewohnt zu funktionieren. Gelenke im Arsch, das Treppensteigen in den fünften Sock gelang auch nicht mehr mit der Eleganz und der Geschwindigkeit eines jungen Gazellenbocks.
    Die Liebste, mit der ich nun seit 13 Jahren zusammenlebe bekam letzen Winter eine schwerste Bronchitis und Lungenprobleme, die sie zur Aufgabe des Rauchens zwangen. Aus Solidarität dann auch komplett das Rauchen eingestellt.
    Jetzt, mit 52, immer noch Sozialist, Gitarrist, Titanic-Leser und mittlerweile ZHobbyzüchter seltener Tomaten- und Chilisorten. Man wird eben alt.
    Darauf erst mal eine gute alte King Crimson-CD!

    • Sven Knoch 2015-07-09 um 16:20 Uhr- Antworten

      Danke für diese Ergänzung! Wie sich die Wege gleichen … Ich selbst habe das Rauchen vor fünf Jahren gestrichen und es geht. Ich habe mich auf die Zubereitung von grünem und weißem Tee sowie das Brutzeln des perfekten Filetsteaks verlegt. Nicht unbedingt eine schlechte Wahl. Das Köln Concert lief hier übrigens gestern noch ;-)

  4. Timo Dickmanns 2016-12-07 um 20:48 Uhr- Antworten

    also diese, Kolumne?, oder dieser Blog gefällt mir wirklich gut. Nostalgisch informativ und mit Humor. Schön gemacht finde ich. bin übrigens über einen Wikipedia Artikel auf diesen Blog gestoßen

  5. british essay writers 2017-08-25 um 13:22 Uhr- Antworten

    I stopped by to thank you for the shared article. To be honest, I was a little bit impressed with the content of the following report, and I believe that DRUM was not interested in advertising any funny sayings.

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